Vermächtnis: Morning Way, ländliche Folk-Geschichten – Prolog – Es gibt leider immer wieder großartige Hörwerke, aus jedem Genre, die nur an wenig Ohren gelangen, dazu gehören beispielsweise unzählige vergessene Perlen vieler (auch bereits im MINT vorgestellter) Ayers Rocker, Brit Barden, Deutsche Legenden, US-Rock-Cowboys.
Wie aber auch das einzige Album »The Road« von Quiet World oder das kürzlich vorgestellte Album »Going Back Home« von Feelgood: Wilko Johnson – Who: Roger Daltrey. Damit sich diese Waisenkinder nicht so allein fühlen, stelle ich nun wieder ein einziges Album eines interessanten Künstlers in den wechselfarbigen Lichtkegel der Schatzgräber. Diesmal »Morning Way« des britischen Folk-Rock-Duo Trader Horne, erschienen bei Dawn Records (DNLS 3004) im März 1970. Ein Album das in der Hochzeit des britischen Folk-Rock entstand, aber leider nicht den Status erreichte wie beispielsweise die Werke von den Platz-Rehen, Fairport Convention, Fotheringay, The Incredible String Band, Pentangle, Steeleye Span. Es gab aber auch große Fans des gemischten Doppels wie Robert Plant, John Peel und meine Hippie Braut Christa Maria. John Peel lud das Duo Trader Horne Mark II (Vokalistin Saffron Summerfield) und die Blues-Rocker Free sogar zum Sunday Concert am 12. Juli 1970 zum Live musizieren ein. Den Audio-Mitschnitt von vier Titeln kann man bei YouTube bebildert anhören: 1. »When Morning Comes«, 2. »Better Than Today«, 3. »Country Joe«, 4. »Just Fishing«.
Judy Aileen Dyble (13-02-1949, London) – Das tragische zuerst. Auch diese Londoner Folk-Rock-Sängerin hat das Corona-Jahr leider nicht überstanden, Judy Dyble starb am 12. Juli 2020 im Alter von 71 Jahren an „Lungenkrebs“. Erste Semi-Profi-Truppe noch in Schulzeiten war 1964 Judy & The Folkmen. Nur wenige Monate nach Gründung der Profi-Band Fairport Convention, schloss sich die Britin 1967 den Folk-Rockern an, blieb jedoch nur für das großartige selbstbetitelte Debüt (VÖ: 11-1967). Sie war schon bei den Arbeiten zum nächsten Werk im Mai 1968 ein Teil der vergangenen Bandgeschichte, die dann später auch Nachfolgerin Sandy Denny ebenso noch wurde. Mit Ian McDonald (ihr damaliger Partner) trat sie zusammen als Pärchen Giles, Giles & Fripp für Demo-Aufnahmen bei (1968: »The Cheerful Insanity Of Giles, Giles And Fripp«, 2001: »The Brondesbury Tapes 1968«), aus denen später dann King Crimson entstand. Die Pop-Band GGF war auch nur ein kurzes Gastspiel für Judy, dann eine weitere kurze Episode bei Trader Horne. Dort singt sie nicht nur, sondern komponiert, arrangiert, spielt auch Klavier und Auto-Harp, im Mai 1970 ist aber schon wieder Schluss. Danach schloss sie sich, natürlich kurz, im Mai 1971 der in Auflösung stehenden Canterbury-Legende Delivery an. Die modifizierte Band Dyble-Coxhill & The Miller Brothers spielte jedoch nur einige Konzerte in den Niederlanden und löste sich dann endgültig auf. Es gibt aus der Zeit nichts, keine Bilder, Filme, Demos, Mitschnitte, Artikel, nur eine einsame Set-Liste. Vielleicht ist es auch gut so.
Danach zog sich Judy für lange Zeit ganz aus der Musik-Szene zurück, bis auf gelegentliche ausgesuchte Auftritte mit musikalischen Weggefährten. Nach über 30 Jahren war es dann 2004 soweit, das Solo-Album »Enchanted Garden« in Zusammenarbeit mit Marc Swordfish. Danach folgten bis Ende 2020 regelmäßig Alben mit vielen illustren Gästen wie James Asher, Tim Bowness, Robert Fripp, Simon House, Andy Lewis, Pat Mastelotto, Ian McDonald, Alistair Murphy, Jacqui McShee und mehreren Dutzend mehr. Ihre Musik war meistens in der Spannbreite von Country, Folk, Jazz, World, aber auch alternative Klänge und moderne britische Kammermusik mit vielen Blech- und Saiten-Instrumenten. Bis zu ihrem Tod, beschäftigte sich Windhund-Fan Judy mit interessanten Projekten, beispielsweise »Weavings Of A Silver Magic« wieder in Zusammenarbeit mit Alistair Murphy oder zusammen mit David Longdon (ehemalige Kopf von Big Big Train, starb 11-2021 tragisch), beim »Between A Breath And A Breath«, ein deutlicher Hinweis darauf mit was für Problemen sie sich zuletzt beschäftigte. Wer noch mehr lesen und sehen möchte, schaut doch mal beim digitalen Auftritt von @ Judy Dyble rein. SchoTTenBook – »An Accidental Musician: The Autobiography Of Judy Dyble« (04-2016: 230 Seiten), die Biografie mit Schreibhilfe von Mitautor Dave Thompson.
John James McAuley (14-12-1946, Coleraine, NIR) – Über den männlichen Part dieses recht unbekannten Duos ist leider nicht ganz so viel bekannt. Trotzdem versuche ich etwas wechselfarbiges Licht ins Dunkel zu bringen. Aus der 1963 im nordirischen Belfast gegründeten Gruppe The Gamblers wird nach Erweitern und Eintritt von Van Morrison (Gesang, Mundharmonika) und Patrick „Pat“ John McAuley (Orgel) im April 1964 das Quintett Them. Das Personal-Karussell drehte Anfangs hoch bei den Nord-Iren, schon bald spielte, Anfang 1965, vier Monate auch John James „Jackie“ McAuley am Schlagzeug bei denen mit. 1966 verließ Van Morrison die Band während einer US-Tour, das Personal der Them-Truppe macht in verschiedenen anderen Projekten weiter. Jackie McAuley zog nach Dublin um, arbeitete von April bis Dezember 1965 mit Paul Brady bei The Kult zusammen. Jackie’s nächste Stationen waren dann 1966 seine ersten eigenen Projekte mit The Freaks Of Nature (eine Single für Island) und wieder mit Bruder Pat bei The Belfast Gypsies (drei Singles bevor sie sich 11-1966 umbenannten). Dann 1967 mit dem „Them-Ableger“ Them Belfast Gypsies, spielten die Brüder im Quartett ein selbstbetiteltes unbeachtetes Album ein. Es folgten die damals ebenso nicht so erfolgreiche Phase mit Trader Horne und 1971 erschien noch Jackies selbstbetiteltes Debüt (DNLS 3023) bei Dawn Records.
Er musiziert danach mit vielen Größen der UK-Szene, besonders aber als gefragter Studiomusiker sowie als musikalischer Leiter und Sideman von Lonnie Donegan. 1990 noch ein Solo-Album als Projekt The Poor-Mouth und ein paar Solo-Alben. Das Meisterstück aus heutiger Sicht ist und bleibt »Morning Way«, das er fast im Alleingang komponiert, arrangiert und einspielt hat. Mit seiner Jackie McAuley Band spielte er bis 2019 Konzerte in Irland und UK, auch 2017 beim Rory Gallagher Festival in seiner Heimat Irland. Wer noch mehr lesen und sehen möchte, schaut doch mal bei @ Jackie McAuley rein. SchoTTenBook – »I, Sideman: The Story Of Me, In The 60s And 70s« (11-2019: 328 Seiten), die Biografie eines nordirischen Edelhelfer.
Trader Horne 1 – Gerüchten zufolge soll der Band-Name auf das Kindermädchen Florence Horne (Spitzname Trader) von John Peel zurückgehen. Gemischte Vokal-Duos sind in den 70ern im britischen Teil der Musik-Kultur Europas beliebt. Der wechselseitige Gesang wird in den vokalgestützten Geschichten geschickt genutzt. Bekannte Beispiele sind Sonny & Cher, Linda & Richard Thompson, Beverly & John Martyn, aber auch die Duos im Bandgefüge wie Jacqui McShee & John Renbourn (Pentangle) oder Maddy Prior & Peter Knight (Steeleye Span) setzten Akzente. »Morning Way« (März 1970) von Trader Horne, das einziges Album von John James McAuley und Judy Aileen Dyble, ist trotzdem es recht unbekannt ist, eines der schönsten Alben des psychedelischen Folk-Rock-Pop. Das gesamte Album, und sogar die beiden zusätzlichen späteren Titel von einer Single (siehe unten), sind vom Gesang und der Instrumentierung sehr gut ausbalanciert. Die Geschichten die über 13 Titel musikalisch verzahnt erzählt werden, wirken wie aus einem Guss, wie bei einem detailliert geplanten Konzept-Album. Die technische Ausführung ist an keiner Stelle 100-prozentig glattpoliert. Die Kompositionen wirken leicht rau und unvollkommen, dadurch aber sehr reizvoll und erdverbunden. Kraftvolle und zeitlose Musik wie bei den frühen Werken von Dylan, Baez, Mitchell. Das ist kein Witz, sondern von vielen Fachkundigen unabhängig so bestätigt. Dieses Album ist ein ganz großer Wurf, es gehört in jede gut sortierte Sammlung von Alben der frühen 70er. Hochklassig und vom allerfeinsten !!
Trader Horne 2 – Die Band ging, trotz Kurzlebigkeit, sogar mit Hugh Thomas (Gitarre) und Ian Gumblefinger (Bass) in der Heimat auf Tournee und teilten sich die Bühne mit Brit-Größen wie Humble Pie, Yes, Genesis und vielen anderen. Mit Judy Dybles eigenen Worten: „Trader Horne machte sich auf den Weg. Und was für eine Reise das war! Wir rasten gefühlt von einem Ende des Landes zum anderen, rauf und runter, ohne große Pausen. Ich erinnere mich, dass ich total erschöpft war, und Jack – nun ja, er fuhr und spielte auch. Eine Zeit lang traten wir in vielen dieser lokalen Fernseh-Magazine auf, die nach den Sechs-Uhr-Nachrichten liefen. Wir reisten auch nach Belfast, mitten in den schrecklichen Zeiten dort. Es sah im Regen mit all dem Stacheldraht trostlos aus. Aber der Empfang im Fernsehstudio war herzlich.“ Eine schöne Erinnerung an Trader Horne: „Ein Auftritt in einer Musiksendung von Grampian TV, unter anderem zusammen mit Cat Stevens. Der Rückflug von Aberdeen hatte sich wegen Nebels verspätet, also hörten Jack und ich zu, wie „Tea For The Tillerman“ quasi vor unseren Ohren geschrieben wurde, und sangen mit. Das war magisch.“
Video Dokumentation 2015 – Judy und Jackie hatten nach Trader Horne nicht mehr viele gemeinsame musikalische Berührungspunkte. Jackie versuchte ja auch nach Ausstieg von Judy Dyble, mit Saffron Summerfield das Folk-Duo Trader Horne am Leben zu erhalten und mit ihr weiter zu machen. Leider erfolglos !! Aber am 29. November 2015 war es in der Bush Hall soweit, Welcome Back My Friends To The Show That Never Ends – Ladies And Gentlemen – Trader Horne mit »Morning Way Revisited«. Dieses circa 20-minütige Zeit-Zeugnis (siehe YouTube), alles in sehr guter Bild/Ton-Qualität, kann ich jedem Fan dieser Musikrichtung wärmstes erzählen. Jackie erzählt da auch die Geschichte mit dem Band-Namen, es war tatsächlich das Kindermädchen Florence Horne von John Peel die dafür namentlich ausgewählt wurde. Judy sagte: „Keine Ahnung was Trader Horne bedeuten sollte.“ Gast-Musiker: Bruder Brendan McAuley (Mandoline, Flöte, Back-Vocals), Steve Bingham (Voline), Alistair Murphy (Keyboards), Phil Toms (Keyboards, BV), Mark Fletcher (Bass, BV), Jeremy Salmon (E-Gitarre), Ian Burrage (Cahon, Perkussion).
Morning Way, Dawn Records 03-1970 (DNLS 3004)
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Jenny May (Written-By – McAuley) – 2:27
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Children Of Oare (Written-By – McAuley) – 4:04
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Three Rings For Elven Kings (Written-By – McAuley) – 2:13
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Growing Man (Written-By – McAuley) – 4:05
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Down And Out Blues (Arranged By – Ray Elliot, Written-By – Traditional) – 4:33
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The Mixed Up Kind (Written-By – McAuley) – 6:26
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Better Than Today (Written-By – McAuley) – 3:12
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In My Loneliness (Written-By – McAuley) – 2:22
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Sheena (Written-By – McAuley) – 2:43*
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The Mutant (Written-By – McAuley) – 2:54
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Morning Way (Written-By – Dyble) – 4:36*
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Velvet To Atone (Written-By – Dyble, Martin Quittenton) – 2:26
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Like That Never Was (Written-By – McAuley) – 4:56
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Here Comes The Rain (Written-By – McAuley) – 2:39**
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Goodbye Mercy Kelly (Written-By – McAuley) – 3:17**
* Single Pye Records 11-1969 (7N 17846)
** Single Dawn Records 02-1970 (DNS 1003) – Bonus Tracks
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