US Hard Rock Cowboy: Hunt & Tony Sales – Tin Machine aus Detroit, Michigan (US)

Veröffentlicht am 6. Februar 2026 um 18:25

Wer ist im Quartett eigentlich Schwer- und wer Leichtgewicht – Für mich gehört David Bowie zu den etwas überbewerteten Künstlern, wie einige andere die zufällig und mit Glück in das Rampenlicht geraten sind und auch lange dort verbleiben. Dennoch hatte er zwei großartige Phasen für die er Schulterklopfen verdient, seine Berlin-Trilogie und Tin Machine.

Eine recht unbekannte Band, die aber bei vielen Fachkundigen einen positiven Eindruck hinterlassen hat und die in der Rubrik Supergroups geführt wird. Auf David Robert Jones alias Rock-Chamäleon David Bowie als Pop-Rock Künstler möchte ich hier erst einmal nicht näher eingehen. Grund: Über den TM-Frontmann David Bowie (Gesang, Gitarre, Piano, Saxophon) ist praktisch alles was vor seiner Geburt, während seines Lebens und nach seinem Tod im Januar 2016 zu berichten gab/gibt schon x-mal in allen Schattierungen und in aller Ausführlichkeit endlos bis heute berichtet worden und wurde in unzähligen Büchern, Magazinen, digitalen Beiträgen dokumentiert worden, kann dort nachverfolgt werden. Über die anderen drei guten US-amerikanischen Mit-Musizierenden, die Brüder Hunt Sales (Gesang, Schlagzeug, Perkussion) und Tony Fox Sales (Bass, Back-Gesang), Söhne vom US-Komiker Soupy Sales, sowie Reeves Gabrels (Gitarren, Orgel, Back-Gesang), dagegen ist nicht so viel bekannt. Die Sales-Brüder hatten bereits 1977 mit Bowie und Iggy Pop auf der The Idiot-Tournee gespielt. Formationen bei denen alle Band-Mitglieder auch singen, sind natürlich vom Gesang abwechslungsreicher. Wenn es dann auch noch zwei Hauptstimmen gibt, ist es noch klangvoller. Die Band-Mitglieder fanden 1988 zusammen, offiziell gegründet wurde dann Anfang 1989.

Wer den MINT-Beitrag über den US-Gitarristen Bob Welch & Paris genau gelesen hat, wird sich an die Brüder Hunt & Tony Sales erinnern. Sie waren die Rhythmustruppe bei den Meisterwerken des US-Gitarristen Bob Welsh. Die Hunt-Brüder spielen routiniert und wie aus einem Guss, alle Songs bekamen so ein stabiles Fundament. Die Überraschung ist Gitarrist Reeves Gabrels. Unglaublich welchen Klänge dieser recht unbekannte Musiker aus seinem Saiten-Instrument herausholte, er sorgt damit auch oft für Alternative- und Prog-Rock Momente. Reeves ist nach Tin Machine lange ein musikalischer Wegbegleiter von David Bowie geblieben. Und über die gesangliche Qualität von David Bowie muss nicht viel gesagt werden, wobei er in dieser Formation zu Höchstform aufläuft, ein Bowie als echter Hard-Rock-Shouter. Er ist aber auch an den Instrumenten Gitarre, Piano und Saxophon ein kollegiales und vollwertiges Mitglied. Dass das Vertrauen in David’s Songwriting, nach dem in dieser Hinsicht sehr schwachen Never Let Me Down (1987), nicht mehr allzu groß war, mag ein Beweggrund gewesen sein, warum er den nächsten Karriereschritt als Mitglied in einer Rock-Band machte. Die folgenden drei Rock-Alben sowie das weitere Material mit ihm, haben es aber wieder in sich und durchaus auch verdient, einfach als Werk der Gruppe Tin Machine bewertet zu werden, und nicht immer nur im Hinblick auf den Meister Bowie.

Folgende wichtigen Helfer sind hierzu auch noch zu erwähnen. Timothy „Tim“ J. Palmer war immer maßgeblich am fetten Sound des Quartetts beteiligt, als Produzent, Gast-Musiker und am Mischpult. David und er blieben sich treu und Tim schmiedete später auch immer wieder das Eisen bei verschiedenen Pop-Perlen des Berlin-Liebhabers David. Weiterhin unterstützte der Britische Multi-Instrumentalist Kevin Armstrong auf den beiden Studio-Alben und auf der ersten Tin Machine Tour (siehe bei Live At La Cigale Paris, 25th June, 1989) sowie US-Gitarrist Eric Schermerhorn auf der zweiten It’s My Live Tour (1991-92, siehe bei Live: Oy Vey Baby).

Ihr Debüt-Album Tin Machine (22. Mai 1989, EMI USA) erreichte in UK Position 3, in Deutschland immerhin noch Position 13 (AT #19, US #28). Damals fand ich das Debüt nicht so besonders herausragend, aber heute mit größerem Abstand höre und sehe ich die Qualität dieses Quartetts in einem ganz veränderten Licht. Wenn man das sonstige Material von Bowie kennt, geht es hier schon schonungsloser zur Sache. Die harte Rocknummer Heaven’s In Here (erste Promo-VÖ und erster Titel auf dem Debüt), mit einem genialen Riff, ist ein toller Song gleich zum Einstieg. Auf gleichem Niveau sind meiner Meinung nach auch das gradlinige Crack City, sowie das sehr melodische Under The God, beides Bowie Kompositionen. Auch Prisoner Of Love ist kein Mittelmaß. Tin Machine und I Can’t Read fallen etwas ab sind ebenfalls noch auf hohen Niveau. Auf der zweiten Hälfte finden sich eher Durchschnitt-Nummern, wobei alle Titel weiter ziemlich abwechslungsreich gestaltet und hörenswert sind. Etwas irritierend war für mich damals das John-Lennon-Cover Working Class Hero, ein toller Song, der aber anderen Helden der Arbeiterklasse, zu denen gehören sicher Hunt, Tony und Reeves, viel besser zu Gesicht steht und auch von denen besser interpretiert wurde als vom aristokratisch wirkenden Glam-Boy David. Beispielweise 10 Jahre vorher von Marianne Faithfull ‎auf ihrem Solo-Album Broken English (1979) oder von vielen anderen.

Was dieses Album aber aus der Sicht von heute so wertvoll und beachtenswert macht, ist ein letztmalig in seiner Karriere entfesselter David Bowie in einer echten, rauen TOP-Band. Tin Machine waren ihrer Zeit um einige Jahre voraus, noch weit vor der Grunge Welle und alternativen Rock lieferte dieser rockige Vierer hier eine Vorlage für sich erst später etablierende Rockströmungen. Aus dieser Sicht funkelt nun diese ungewöhnliche Version des Lennon-Klassikers Working Class Hero deshalb doch noch in einem ganz anderen Licht. Das hatte Bowie auch so erwartet, was er auch öfters sagte. Auch andere große Stars haben immer mal solche Phasen gehabt, sich kompromiss- und grenzenlos ausgelebt. Beispiele dazu möchte ich mir hier wie immer ersparen. Das Album war das erfolgreichste des Quartetts.

Mit ihrem zweiten Studio-Album Tin Machine II (02. September 1991, Victory Music) hatte das Quartett nur mäßigen Erfolg (UK #23, US #126, AT #25, DE #56). Es spaltet die Kritiker in zwei Lager, Befürworter und Bemängeler. Wertfrei würde ich sagen, in der Gesamtheit ähnlich gut, aber doch ein wenig glatter poliert als der Vorgänger. Die Texte sind fast ausschließlich von Bowie, die Musik ist meist von Bowie/Gabrels. Eine Ausnahme bildet der Hunt Sales Song Sorry, ein eher ruhiges Stück von guter Qualität, die beiden Sales-Brüder bildeten ja die andere rhythmische Hälfte der Gruppe. Aus dem Album wurden die Singles You Belong In Rock’n’Roll, Baby Universal und One Shot erfolgreich ausgekoppelt. Den Titel Baby Universal hatte Bowie dann noch einmal 1996 für sein Album Earthling (1997) neu aufgenommen, später aber nicht darauf veröffentlicht. Er wurde schließlich erst im Jahr 2020 für die Bowie EP Is It Any Wonder? verwendet.

Der Namenstitel für das Livealbum Live – Oy Vey Baby: Live In Hamburg (27. Juli 1992, Victory Music, auch als VHS-Video) ist wohl aus einem Wortspiel entstanden und angelehnt an das Erfolgsalbum Achtung Baby von den irischen Kollegen U2. Diese Idee stammte von Schlagmann Hunt Sales. Überhaupt sind auch die vielen kursierenden Geschichten zur Entstehung des Band-Namens sehr interessant. Eigentlich eher unwichtig, sind solche Details für Bowie-Jünger natürlich sehr wichtig. Egal, auch bei anderen Bands gibt es solche Geschichten. Als David Bowie ab 1992 an seinem Solo-Album Black Tie, White Noise arbeitete, verlor er etwas das Interesse an hartrockiger Musik und dem Test-Projekt Tin Machine, die Band-Arbeit wurde reduziert und hörte die Existenz wurde immer diffuser, verschwand langsam im Hintergrund. Auch die Planungen für ein zweites Live-Album, das den Namen Use Your Wallet tragen sollte, wurden schnell wegen fehlenden Erfolg und schrittweisen Rückzug von Bowie beiseitegelegt. Die Messlatte war zwar sehr hoch gelegt, die vier Artisten übertrafen sie aber locker. Aber ohne den kreativen und charismatischen Frontmann war es tatsächlich dann Unsinn in diesem Projekt weiter zu machen. Trotzdem: Ein schönes Bühnen-Dokument zum Abschluss der kurzen Karriere von Tin Machine. Für Fans und Sammler ist das Live-Album ohnehin ein Muss, aber auch für alle anderen durchaus hörenswert. Kleine Anekdote am Rande: Genervt von der ständigen unverhältnismäßigen Ablehnung und teilweise unqualifizierter negativer Kritik an seiner Rock-Band hatte David Bowie für diese Tour spezielle T-Shirts mit der Aufschrift F*** You – I LOVE Tin Machine bedrucken lassen, welche von den Roadies, teilweise auch von Bowie selbst, getragen wurden. That’s really Rock’n’Roll !!

Fast alle Texte sind ausschließlich von Bowie, die Musik ist meist von Bowie/Gabrels. Die Hunt-Brüder haben nur sporadisches (aber gutes) Material eingebracht. David sagte Reeves, er habe das Gefühl, seine Vision verloren zu haben und suche nach Wegen, sie wiederzuerlangen. Während der Zusammenarbeit fragte Gabrels was Bowie von ihm erwartete: „Im Grunde brauche ich jemanden, der eine Mischung aus Beck, Hendrix, Belew und Fripp beherrscht, mit ein bisschen Stevie Ray Vaughan und Albert King. Wenn ich dann nicht singe, nimmst du den Ball und machst etwas daraus, und wenn du ihn mir zurückgibst, ist er vielleicht nicht mehr derselbe.“ Und genauso haben sie es gemacht. So einfach ist das manchmal, wenn Könner zusammenarbeiten. Manchmal wundert man sich, das brauchbares und gutes Material Jahrzehnte lang in irgendwelchen Archiven vergessen schlummern, schlimmer noch, unbeachtet und nicht gesichtet verstauben oder vergammeln, oft niemals veröffentlicht werden. Klar, es gibt meist zeitliche, qualitative, rechtliche, strategische, Marketing, sonstige und teils auch unwichtige Gründe, das von Fans gewünschtes und geschätztes Material nicht veröffentlicht wird. Das fördert natürlich die Bootleg-Szene, der Konsument bekommt dann sehr oft mieses Material, was weder dem Künstler, offiziellen Musik-Firmen, Musik-Liebhaber etwas bringt und nur die Taschen von dubiosen Händlern füllt. Zu diesem Thema wird ja immer wieder heißblütig debattiert. Siehe hierzu den Beitrag der Serie: Audio Vaults. Noch einmal deutlich der allstimmige MINT-Appell an alle Musik-Fans: Kauft Originale, am besten bei den Künstlern selbst !!

Entgegen gängiger Berichte fand der erste gemeinsame Live-Auftritt der Band nicht bei der International Rock Awards Show am 31. Mai 1989 statt. Zuvor spielte die Band ein unangekündigtes Konzert in Nassau. Bowie erinnerte sich: „Wir tauchten in einem Club in Nassau auf, wo wir aufnahmen, und spielten vier oder fünf Songs. Wir gingen in den Club und spielten sie einfach.“ Gabrels fügte hinzu: „Wir gingen einfach auf die Bühne, und man konnte all diese Stimmen flüstern hören: ‚Das ist David Bowie !! Nein, das kann nicht David Bowie sein, er hat einen Bart !!‘“ Die Band absolvierte vom 14. Juni bis zum 3. Juli 1989 eine unauffällige Tournee in kleineren Clubs, bevor sie weitere Aufnahmen in Sydney, Australien, machten. Bei dem kürzlich, spät aber pünktlich zum dreißigjährigen Jubiläum, als Download veröffentlichte Live At La Cigale Paris, 25th June, 1989 (30. August 2019, Parlophone) ist es vermutlich EMI gewesen die das Material erst mal nicht veröffentlichten. David hatte sich wegen Unstimmigkeiten, ausgelöst durch Tin Machine, von EMI getrennt und somit war die rechtliche Situation damals kompliziert gewesen. Vermutlich hätte er auch nicht gewollt, dass seine leibhaftige Mitarbeit bei Tin Machine weiter breit in die Öffentlichkeit gelangte und zu weiteren Diskussionen und Spekulationen führen könnte. Das ist aber nur gemutmaßt, aber wer die Geschichte von David Bowie etwas näher kennt, der wird mir eventuell zustimmen. Auch schon das zweite offizielle Live-Album (Arbeits-Titel: Use Your Wallet) verschwand leider schnell in den Archiven und aus den Köpfen der Musik-Maschinerie. Beim La Cigale Mitschnitt verbeugt sich die Band mit Working Class Hero und Maggie’s Farm vor zwei ganz großen Helden der populären Rock-Musik. Ihr dürft gerne raten wer gemeint ist. Die restlichen sechs weiteren Titel sind vom Debüt-Album und einer B-Seite einer weiteren Single/Maxi (das gab es damals tatsächlich noch). Bowie sagte zum Rock-Projekt: Tin Machine habe seiner Karriere damals neuen Schwung verliehen, aber „persönliche Probleme innerhalb der Band führten zu ihrem Ende und das war wirklich sehr traurig.“ Damit ist dann der Kern der Geschichte der Tin Machine erzählt. Wer sich für weitere US-Rock-Cowboys interessiert, folgt den Spuren in den weiteren Beiträgen über US Cowboys. Bilder: Cover, Text: Roland Koch

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