Das Leben von Hannes Wader aus seinem Blickwinkel – Ein deutsches Nachkrieg-Geschichtsbuch und zugleich die ganz intime Lebensgeschichte des Barden Hannes Wader, seiner Familie und vieler Weggefährten. Ungeschminkt, wie man es aus den unzähligen Lieder-Texten des Lied-Poeten (seine Heimat war Poetenweg 25 in Hoberge-Uerntrup) seit vielen Jahrzehnten gewohnt ist.
Kantiger, selbstbewusster, dann wieder unsicherer, Hannes W. – Der legendäre Lied-Poet feiert hoffentlich am 23. Juni 2026 seinen 84. Geburtstag, also nachrechnen, er ist mitten im 2. Welt-Krieg 1942 in Gadderbaum nähe Bielefeld geboren. Er hatte bis jetzt ein bewegtes Leben und mit seiner Lebensgeschichte Trotz Alledem: Mein Leben (Penguin Verlag, 28-10-2019) nicht nur selbst seine Biografie, sondern auch ein detailreiches Zeitzeugnis der Bundesrepublik (nicht nur über Kunst & Kultur) auf fast 600 Seiten geschrieben. Hans Eckard „Hannes Wader“ beschreibt unverblümt sein bisheriges Leben von 1942 bis 2019 ohne Tabus, Ängste oder Bitterkeit. Das Werk ist voll mit vielen einzelnen Geschichten die in Summe die Höhen und Tiefen seines Lebens darlegen. So wie es vermutlich vielen, auch uns, geht. Es geht nicht immer um Musik, obwohl das ein durchgängiges und wichtiges Thema von Hannes ist. Oft kraftvoll, aber auch berührend, episch und poetisch sowie kämpferisch wie in seinen Liedern, erzählt Hannes Wader, was ihn und seine Musik geprägt hat. Nachkriegszeit auf dem westfälischen Land, die 68er in Berlin, Deutscher Herbst, Friedensbewegung, der Kampf für eine gerechtere Welt und der Abschied von Illusionen. „Ein Leben unter Frauen und Künstlern, mit Hunden und Pferden, Georges Brassens und Bob Dylan. Dieses Buch ist durch und durch Wader: direkt und aufrichtig, humorvoll, sarkastisch und nachdenklich-kritisch, voller Achtung für alle, die von einer besseren Welt träumen und für sie handeln.“ Ein Leben „unter Frauen“, na ja, die spielen in seinem Buchs fast gar keine Rolle.
Nach dem Schulabschluss begann Hannes eine 3-jährigen Lehre als Dekorateur in einem Schuhgeschäft, er arbeitete anschließend noch drei Jahre in diesem Beruf. Während dieser Zeit lernte er Mandoline und Gitarre spielen. Danach ein abgebrochenes Grafik-Studium in Bielefeld und Berlin, dann widmete er sich ganz der Musik. Der Komponist, Texter, Sänger und Gitarrist gehört zu den bekanntesten deutschen Liedermachern. Er veröffentlichte mehr als drei Dutzend Studio- und Live-Alben, von Hannes Wader Singt (1969), 7 Lieder (1972), Plattdeutsche Lieder (1974), Es Ist An Der Zeit (1980), Daß Nichts Bleibt Wie Es War – Live (1982, siehe unten) bis zu Macht’s Gut (2018, Mittschnitt des Abschiedskonzerts vom 30. November 2017), Noch Hier: Was Ich Noch Singen Wollte (2022, Gastmusiker: Reinhard Mey, Jens Kommnick, Ulla van Daelen, Lydie Auvray, Justin Ciuche, Martin Bärenz und Nils Tuxen) und Nach Haus (2024). 2013 wurde er mit dem Echo für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Hannes Wader lebte zuletzt von 2008 bis 2021 in Kassel, ist aber nun wieder zurück in seiner alten Heimat nähe Bielefeld. Es ist schön dort wo er geboren ist und jetzt wieder lebt. Denn ich habe selbst mehrere Dutzend mal in dieser Gegend direkt im Teutoburger Wald aus beruflichen Gründen genächtigt, weiß also wie schön es dort ist. „Ich schreibe nicht gern!“ Dennoch nun dieser Wälzer. Den Wert werden viele noch zu schätzen wissen.
„Mit Hannes ist einer der letzten wirklich großen Liedermacher von der Bühne abgetreten. Schön ist, dass er dieses Buch geschrieben hat.“ Beides stimmt. Noch schöner ist, dass seine Lieder auch nach Jahrzehnten wenig von ihrer Wirkung verloren haben oder wie Anfang 2026 sogar wieder dazugewinnen. Aber es sind auch einige wenige kritische Liedermacher im eigenen Land nachgewachsen. Und seine Biografie gibt einen guten Einblick wie das Zusammenleben eines Künstlers mit anderen funktioniert, oder auch nicht !! Man kann diese großartige 600-seitige Autobiografie nur allen wärmstens ans Herz legen !!
Unten eine Bildserie Künstler für den FRIEDEN, 11. September 1982 !! Wie aktuell ist das Thema schon wieder !!
„Gegen sechs Uhr morgens, am 23. Juni 1942, werde ich in Bethel bei Bielefeld im Hause Gilead, der Entbindungsstation, mit einem Haarkringel über der Stirn geboren. Dem diensthabenden Arzt, der mich hochhebt, schiffe ich laut schreiend ins Gesicht. Er tauft mich, auf meine Stirnlocke anspielend, spontan »Napoleon der Bogenpisser«. Nach meinen beiden Schwestern Ursula und Gisela, sie sind acht und neun Jahre älter als ich, bin ich das dritte und letzte Kind meiner Eltern. Ein Wunschkind, wie mir meine Mutter später des Öfteren versichert, was ich nicht so recht glauben kann. Wer wünscht sich schon mitten im Krieg ein Kind?“ (Kindheitsfoto, Aus dem Kapitel Kindheit, Seite 11)
Das üppige Buch ist in vier Lebensabschnitte aufgeteilt und beim Lesen durch die Kindheit und Jugend muss der ein oder andere schon sehr viel Durchhaltevermögen haben. Hannes schildert sein damaliges Leben ausführlich, aufrichtig, ehrlich und vor allem schonungslos gegen sich selbst. Die Zeiten und sein Elternhaus sind hart und bieten kaum Platz für Miteinander, Geborgenheit und Liebe. Bei einem Fronturlaub des Vaters gezeugt und auf dem Höhepunkt des von den Deutschen angezettelten zweiten Weltkriegs geboren, wächst der kleine Hans im Krieg mit seinen beiden älteren Schwestern auf. Er lebte die bildungsarme Kindheit kleiner Leute mit sehr wenig bürgerlichen Wohlstand in Kriegswirren, Trümmern und Massenarmut. Seine Umgebung besteht zu einem spürbar deutlichen Teil aus unverbesserlichen Alt-Nazis mit ihren eiskalten vernichtenden Blicken. Aber früh wird bereits Waders westfälischer Dickschädel deutlich. Der Junge will unbedingt seinen eigenen Weg gehen.
Hannes erinnert sich in Trotz Alledem äußerst detailliert an Kindheit und Jugend. Diese Zeit füllt fast ein Drittel seiner Lebensbeichte und ist vor allem für jene interessant, die Bielefeld und Umgebung kennen und einen Einblick in die Welt einfacher Schichten nehmen will. Je näher der Autor der Gegenwart kommt, desto stärker beschleunigt sich das Tempo seiner Autobiographie. Natürlich ist nicht einfach, über Zeiten und Ereignisse zu schreiben, an die sich viele Leser noch gut erinnern und als reale Zeitzeugen eigene Sichtweisen anmelden und äußern können. Irgendwann wird so ein Werk dann auch zu umfangreich und damit noch schwerer lesbar oder der Autor will einfach irgendwann mit der eigenen Geschichte abschließen.
„Eines Abends nehmen mich Jungs aus der Rio-Milchbar in den Bunker Ulmenwall, damals der erste Jazzkeller in der Stadt, zu einem Jazzbandball mit. Mir ist, als beträte ich eine andere Welt. Ich höre und sehe zum ersten Mal Jazz live. Eine Amateur-Dixieland-Band spielt in klassischer Besetzung: Schlagzeug, Kontrabass, Klavier, Banjo, Trompete, Posaune, Klarinette. Es ist eine Jam Session. Das bedeutet, wie man mir erklärt, dass es sich hier um ein zufälliges Zusammentreffen von »Jatzern« (und nicht etwa »Dschässern«) handelt, die alle unterschiedlichen Bands angehören. Ich bin augenblicklich begeistert und weiß: Das, was ich hier höre, ist ab sofort auch meine Musik. Dieser Abend ist für mich unvergesslich. Am meisten beeindruckt mich der Klarinettist, da ist für mich die Sache klar: Ich werde auch Klarinette spielen lernen.“ (Wader mit Saxofon, Aus dem Kapitel Lernen, Seite 177)
Hannes lernte andere Musiker kennen, mit denen er gemeinsam spielte. Seine erste Band widmet sich dem Skiffle. Mit der Gruppe tritt er erstmals auf. In den Arbeitspausen übt er Klarinette. Das passt seinem damaligen Chef nicht, er kündigt dem jungen Mann, der ihm daraufhin impulsiv Schuhe „gegen seinen Wanst“ warf. Mit seiner Arschkriecher-Ballade setzt Hans ihm später ein bleibendes Denkmal.
Bielefeld wird dem Freigeist Wader dann zu eng. Er zieht weiter nach Norden, Hamburg diente ihm eine Weile als Hafen. Vor dort aus lockte ihn, anziehend wie eine Motte das Licht, die elektrisierende und isolierte Pilgerstätte Berlin. 1964 zieht er in die Frontstadt und bewohnt ein Zimmer als Untermieter eines Rentnerpaars in der Kreuzberger Fichtestraße. Stets hungrig und nahe dem Abgrund schlägt er sich als Hilfsarbeiter, Postbote und Straßenmusikant durch. Mit Helga begegnet er der ersten großen Liebe. Der Träumer Hannes schreibt erste Lieder und vertont sie.
„So zu leben, habe ich mir gewünscht. Unterwegs sein. On the Road. Endlich. Von einem Ort, von einem Augenblick zum andern. Was für ein Gefühl. Von mir aus kann das ewig so weitergehen. Ich bin froh über meine neue Reisetasche, die ich mir im KDW gekauft habe, mit mehreren aufgesetzten Taschen für Kleinkram. Nicht zu groß, aber so, dass jede Menge Wechsel-Wäsche und natürlich Bücher hineinpassten. Ich lese jede Nacht vor dem Einschlafen, ganz gleich, wie spät es ist und wie betrunken ich bin. Die oft langen Bahnfahrten, auch tagsüber, machen mir nichts aus. Wenn ich nicht lese, spiele ich Gitarre, wenn ich allein im Abteil bin. Manchmal, aber nur ganz selten, singe ich, wenn ich mich von ihnen dazu ermutigt fühle, den Mitreisenden was vor.“ (Musiker unterwegs, Aus dem Kapitel Singen, Seite 311)
In der Welt des Hannes Wader gibt es für andere wenig Gefühle, er ist ein Mann der großen alten Männerfreundschaften, der Freundschaften, die man Unterwegs, in Clubs & Kneipe und beim Musikmachen begründet und die einen oft jahrzehntelang begleiten. Werden diese Bindungen zu brüchig, bekommt auch das Herz des auf seinem Pferd durch das Land trabenden einsamen Reiters Risse. Frauen kommen in dieser Welt nur dann vor, wenn sie sich selbst ihren Platz erobern. Trotz Alledem ist auch ein faszinierendes Werk der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte. Es ist ein typisches und anschauliches Beispiel für einen durch das Leben geformten starken Charakter, seinen Jugendträumen zu folgen und ein Leben lang daran zu arbeiten, diese tatsächlich zu verwirklichen.
„Der Kalte Krieg ist kälter als je zuvor. Unter US-Präsident Ronald Reagan nimmt das atomare Wettrüsten zwischen den USA und der Sowjetunion nie gekannte Ausmaße an. Gleichzeitig drängt in der BRD Helmut Schmidt als derzeitiger Bundeskanzler auf den NATO-Doppelbeschluss und damit auf die Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen auf westdeutschem Boden. Dagegen formiert sich jetzt ein rasch wachsender Widerstand aus den verschiedensten Teilen der Bevölkerung. Eine mächtige, sich auch international enorm ausbreitende Friedensbewegung entsteht. Eine echte Massenbewegung, an der sich auch die DKP als nur eine von unzähligen Gruppierungen beteiligt. Ich selbst sehe mich als Teil des sich schnell organisierenden Zusammenschlusses der Künstler Für Den Frieden.“ (Wader auf der Bühne, Aus dem Kapitel Handeln, Seite 488)
Quasi wie eine Parallelwelt erlebte der Rebell & Kämpfer Wader das jährliche Chanson Folklore International – Junge Europäer Singen (1964 bis 1969) auf der Burg Waldeck im Hunsrück (nähe Flugplatz Hahn), bei dem er erstmals 1966 bei der Ausgabe Drei vor großem Publikum auftritt. Hannes Wader begeistert die Besucher des Folk-Festivals derartig, dass er seine Songs mehrfach wiederholen muss. Sein damaliges Repertoire bestand gerade mal aus einer Handvoll Songs. Der Begriff Zugabe ist ihm noch unbekannt. Neben der Ersterfahrung mit einem riesigen Publikum lernt Hannes andere Musiker kennen. Schobert und Black, Franz Josef Degenhardt, Zupfgeigenhansel, Ingo Insterburg, Hanns Dieter Hüsch, Eddi und Finbar Furey sowie andere bekannte Namen jener Tage, zählen dazu. Mit Reinhard Mey begründet er dort eine lebenslange Freundschaft.
Künstler für den Frieden hieß eine 1981 von Eva Mattes, Irmgard Schleier, Peter Homann und anderen gegründete Initiative westdeutscher Künstler, die die damalige Friedensbewegung unterstützte und unter dem gleichen Namen bis 1983 fünf große Konzerte organisierte: 1. am 12. September 1981 im Audimax der Universität Hamburg, 2. am 21. November 1981 in der Dortmunder Westfalenhalle, 3. am 9. Mai 1982 in der Berliner Waldbühne, am 11. September 1982 im Bochumer Ruhrstadion und 5. am 2. und 3. September 1983 im St.-Pauli-Stadion in Hamburg. Das Bochumer Konzert 1982 war das größte davon. Vor etwa 200.000 Zuschauern traten über 200 Künstler auf, darunter Esther Bejarano, Harry Belafonte, Joseph Beuys, die Bots, Franz Josef Degenhardt, Katja Ebstein, Maria Farantouri, Gitte Hænning, André Heller, Hanns Dieter Hüsch, Udo Lindenberg, Miriam Makeba, Ulla Meinecke, Bill Ramsey und Konstantin Wecker. Zu den weiteren Rednern zählte Petra Kelly, die stellvertretend für den Krefelder Appell sprach. Curt Bois sprach nur drei Sätze: „Ich bin ein alter Mann. Ich habe zwei Weltkriege erlebt. Ich bin hierhergekommen, weil ich verhindern möchte, dass ein dritter Weltkrieg Sie und Ihre Kinder vernichtet.“ Wir waren in Dortmund und Bochum (Foto-Dokumentation) mit dabei.
In der Diashow Künstler für den Frieden, Bochum Ruhrstadion, 11. September 1982 findet ihr neben Hans Eckard „Hannes Wader“ auch noch Lydie Auvray (Akkordeon, Perkussion), Reinhard Bärenz (Gitarre, Violine, verstorben 09. Februar 2023 in Halle, Saale), Hans Hartmann (Akustik-Bass, verstorben 17. Juli 2022 in Jüterbog), Jürgen Zeltinger nackt, Christa & Roland sowie unseren Freund Detlef.
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