Brit Barde: Nutz – Rage – Spitfire (UK)

Veröffentlicht am 30. Januar 2026 um 22:54

Wieder so eine unbeachtete Perle des harten Rock – Es gibt weltweit Formationen, die trotz allen Talents, guten Kompositionen und fast fehlerfreien Karriereweg, sich einfach nicht aus dem Dickicht der Musikszenen herausarbeiteten konnten. Und wenn man auch noch aus Liverpool stammt, hat man vielleicht schon einige Vorschluss-Lorbeeren, aber auch Erwartungsdruck.

Die vierköpfige Gruppe, die in ihrer Heimatstadt Liverpool gegründet wurde und zunächst unter dem Namen Harpoon auftrat, fügte sich nahtlos in die Szene ein und sicherte sich wenig überraschend ein renommiertes Management (Verbindungen zu Peter Grant, Mentor Led Zeppelin) und einen beneidenswerten Vertrag mit dem einflussreichen Label A&M. Nutz wurden bei Fachleuten 1973 als „das nächste große Ding“ gehandelt, sie seien echt gut und wurden vereinzelt, da sie auch aus Liverpool stammten, als etwaige weitere Erben der The Beatles bezeichnet.

Das Hard-Rock-Quartett wurde von Sänger und Gitarrist David Lloyd, Gitarrist Mick Devonport, Bassist Keith Mulholland (Keep It Dark, Jiminy Crikitt) und Schlagzeuger John Mylett gegründet. Aber statt Musik Marke Yeah, Yeah, Yeah der Famosen Beatles gab es auf ihrem selbstbetitelten Debüt (1974, A&M Records), aufgenommen in den Rockfield Studios in Monmouthshire (Wales), großartigen, abwechslungsreichen, gut ausbalancierten Hard-Rock. Die Truppe vom Mersey-River hatte es echt raus und hätten bei etwas mehr Glück oder vielleicht ein paar Jahre früher eventuell für erheblich mehr Aufmerksamkeit gesorgt. Der Song I Can’t Unwind und auch einige andere hätte auch von Free oder Back Street Crawler stammen können. Das verwundert nicht, denn Pianist John "Rabbit" Bundrick (Free, Kossoff Kirke Tetsu & Rabbit, Crawler), war an den Arbeiten beteiligt, spielt sogar Can't Tell Her Why und Light Of Day das Piano. Aber auch Blues-, Hard- und Südstaaten-Rock haben sie auf ihrer Klaviatur verfügbar und alles sehr energiereich und mit eigenen Duftmarke. Wie gesagt, musikalisch exzellent, richtige Helfer involviert, kaum Fehler gemacht. Auch an der Stimme des herausragenden Sängers Dave Lloyd lag es nicht.

Die gute und naheliegende Idee von A&M Records die Fab-Nutz als die nächsten Fab-Four Reloaded zu vermarkten, funktionierte schlussendlich nicht, der Schuss ging nach hinten los. Denn die Marketing-Strategien die in den 50er und 60er noch gut zum Erfolg geführt hatten, waren in der Entwicklung der Rockmusik so nicht mehr anwendbar, die Konsumenten und der Markt hatte sich stark verändert. Außerdem waren sie in dieser Zeit schon in Konkurrenz mit dem aufkommenden Punk und New Wave. Die Nutz blieben leider eine weitere gute Band in der Abstiegszone der zweiten Rock-Liga, daran änderten auch die nachfolgenden, ebenso guten Alben Nutz Too (1975), Hard Nutz (1977, ab hier mit Keyboarder Kenny Newton) sowie das gelungene Live-Album Live Cutz (1977) nichts an diesen Tatsachen.

Bereits 1974 spielten sie Live ein BBC-Konzert zusammen mit Jack The Lad im Golders Green Hippodrome London (VÖ von BBC Transcription Services als Stereo Pop Special-79). 1975 absolvierten Nutz sogar einen energiegeladenen Auftritt beim The Old Grey Whistle Test, einer bekannten Unterhaltungssendung der BBC des zweiten britischen Fernsehen BBC 2 (Sendungen von 09-1971 bis 12-1987). Hier kann man sich bei den Titeln Nature Intended und Cool Me Down sowohl akustisch als auch visuell von der ausgezeichneten Live-Qualität der Band überzeugen. Die Cover der Nutz-Alben sind echte Hingucker, wurden aber auch Kontrovers diskutiert. August 2010 wurde noch das Live-Album Tightened Up!: Live In Nottingham 1977 bei Market Square Music veröffentlicht. Live aufgenommen im Grey Topper Club, Nottingham (UK) am 01. März 1977 von John Moon, Geoff Woodward und John Arnold für die Ausstrahlung durch Radio Trent.

Damals ging aber offenbar auch einiges schief, wie es leider bei Teams in unteren Tabellenbereichen meist passiert. Sie wurden von dem renommierten Label A&M Records (von Herb Alpert und Jerry Moss 1962 gegründet) auf US-Tour geschickt. Die Truppe musste beispielsweise mit Schrecken feststellen, dass ihre Alben auf dem US-Markt noch gar nicht in den Verkauf gelangt waren. Auch heutzutage passiert so etwas häufig, besonders wenn man beim falschen Label untergekommen ist. Darüber könnte ich auch Geschichten erzählen. Über Nutz erfuhr man selbst in Europa nach den ersten euphorischen Artikeln nur noch wenig, in dieser Hinsicht versagte die Promotion-Abteilung von A&M komplett. Wer Nutz nicht zufällig im Vorprogramm von UFO, Black Sabbath oder Budgie (auch eine sehr unterbewertete Band) sah, der assoziierte Nutz wohl auch weiterhin mit dem damals bekannten Schokoriegel. Auf alle Fälle hatten Nutz den Bogen raus wie man drei bis vier Minuten Rock-Musik-Titeln prickelnd gestalten konnte. Echt sehr Schade !!

Nach insgesamt vier veröffentlichten Alben traten Nutz 1978 beim Reading-Festival auf. Dort kam zu Pech auch noch Unglück dazu. Sie hielten sich nicht an den Zeitplan und entschieden ohne Rücksprache mit dem Veranstalter spontan, die vom Publikum vehement verlangten Zugaben zu spielen. Damit wurde dieser gute Auftritt zur Grabstätte der Band. Gerüchte besagen, das hätte A&M Records dazu bewogen die Band fallen zu lassen und ihre Aktivitäten für diese Truppe einzustellen und sie aus dem Vertrag zu entlassen. Obwohl das Liverpooler Quartett Nutz nie den großen Erfolg einiger ihrer Konkurrenten erreichte, etablierten sie sich dennoch als eine der talentiertesten und fleißigsten Bands der britischen Hardrock-Szene der 70er. Mit einem begehrten Vertrag bei A&M Records und drei erfolgreichen Studioalben im Gepäck hatte ihr letztes Studioalbum Hard Nutz vielversprechend begonnen, aber kommerziell wenig Erfolg gebracht. Angesichts der Qualität ihrer Platten war dies eine frustrierende Situation.

Das war eigentlich das Ende von Nutz aus Liverpool am Mersey-River. Schlagzeuger John Mylett und Keyboarder Kenny Newton schlossen sich der Neugründung Gordon & Friends, später Nightwing, von Gordon Rowley (Strife) an. Kenny spielte mit Nightwing in den 80ern fünf Studio-Alben (und einmal Live) ein. Dave Lloyd, Ausnahmegitarrist Mick Davenport und Bassist Keith Mullholland hielten sich aber die Treue und als John Mylett dann von seinem kurzen Nightwing-Einsatz zurückkehrte, er trommelte dort nur für deren Debüt Edge Of A Knife (1980), beschlossen die Kumpels unter dem Namen Rage einen Neustart zu wagen. Der Name Nutz verschwand dann von der Bildfläche.

Rage veröffentlichte in Jahresabstand Out Of Control (1981), Nice’n’Dirty (1982) und Run For The Night (1983). Außerdem 1982, auf dem Höhepunkt der New Wave Of British Heavy Metal (NWOBHM), eine einzige kuriose Single So You Want To Be A Rock 'n' Roll Star (Cover Version von The Byrds) als Projekt Spitfire (auch sPiTfIrE). Die wurde jedoch von Presse und Publikum damals gleichermaßen ignoriert, eben, weil sie aus unerfindlichen Gründen von Carrere Records unter diesem getarnten Namen veröffentlicht wurde. Auf der B-Seite der Single Spitfire Boogie wird es noch absurder, denn die Band hieß dort Spitfire & The Blackpool Barmies. Hätten die Plattenkäufer und Journalisten gewusst, wer darauf spielte, wäre die Resonanz vielleicht etwas besser gewesen. sPiTfIrE war in Wirklichkeit die Liverpooler Hard-Rock-Band Rage.

Schlagzeuger John Mylett kam 1983, nach drei guten Alben mit den Rockern Rage beim französischen Label Carrere Records, darunter auch die ausgezeichnete Rock-Scheibe Nice’n’Dirty (1982), bei einem Autounfall in Spanien tragisch ums Leben. Rage lösten sich kurz danach auf. Es gab auch noch später zwei Formationen gleichen Namens, die bekannte deutsche Metal-Band und eine englische Dance-Musikgruppe (hier auf der Kontinental-Platte En-Rage).

Die verbliebenen guten Musiker geisterten ab diesem Zeitpunkt weiter durch die Abstiegszone der englischen zweiten Rock-Liga, auf ihre Namen trifft man immer wieder mal auch bei anderen Projekten. Frontsänger und Gitarrist David Lloyd formierte das AOR-Duo 2AM (1987: When Every Second Counts), Gitarrist Mick Devonport taucht komplett ab, Bassist Keith Mulholland arbeitete als Sideman für viele Stars der Rockszene und war am Ian-Gillan-Projekt Garth Rockett & The Moonshiners beteiligt. Kenny Newton spielte auf sechs Alben von Nightwing seine virtuosen Keyboard-Linien. Wer mal Lust hat auf kernigen, melodiösen britischen Seventies-Hardrock, dem kann ich Nutz und Rage nur empfehlen. Auf jedem ihrer Alben finden sich faszinierende Songs. Bei Nutz, vom Debüt den Opener Poor Man (1974) bis hin zum Rock-Kracher von Wallbanger auf Live Cutz (1977). Mit etwas anderer musikalische Ausrichtung gibt es auch massenweise gute Titel auch bei Rage. Alle insgesamt sieben Alben sind mit massig Bonus-Titeln und üppigen Begleit-Material 2015 (Rage) und 2018 (Nutz) bei Rock Candy wieder veröffentlicht.

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