Psych-Tanz-Musik: Dafür muss man ein eigenes Soul-Funk-Genre schaffen – Detailliert auf die Kariere dieser Formation einzugehen ist eigentlich nicht nötig, da sich die Schatzgräber anderer Magazine bereits um die meisten, selbst die unbekannten wie auch vergessenen, Details dieser Soul-Legende The Temptations gekümmert haben.
Aber es gibt eine besondere Zusammenstellung ihrer größten Hits, gefühlt sind mehrere Hundert davon weltweit erschienen, die unbedingt hier im MINT vorgestellt werden muss. Was macht dieses Doppel-Album Psychedelic Soul (2003) so besonders. Hier wurde die stärkste Phase der Band-Karriere berücksichtigt (besonders geprägt vom innovativen Komponisten und Produzenten Norman Whitfield), hier wurden nur die musikalisch besten Titel von den Alben ausgewählt, hier wurde auch keine Rücksicht auf die Länge der Kompositionen genommen. Durchhörbarkeit des Songs, das Stereo-Panorama (beispielsweise anzünden einer Zigarette auf dem linken Kanal), Klang der einzelnen Instrumente und des Gesangs, insgesamt unverzichtbar für jeden Fan von Temptations, Motown, Norman Whitfield, Barrett Strong. Das Remastering von Toningenieur Suha Gur (Universal Mastering Studios East, Edison, New Jersey, 1992-2007) ist der Hammer. Wir ziehen häufig wegen des besseren Klangbildes, die hier vorgestellte Doppel-CD den einzelnen CD-Original-Alben vor. Wer sich nicht alle Alben der The Temptations jener Zeit (ob auf Vinyl oder CD) zulegen möchte oder kann und trotzdem gern die Songs in der langen Album-Version besitzen möchte, die auf den meisten Best Of, Greatest Hits, Ultimative Collections und Anthologien nur gekürzt (als Single-Version) enthalten sind, der könnte mit dieser Doppel-CD sehr, sehr glücklich werden. Auch das üppige Booklet ist sehr informativ und vorbildlich. Diese Doppel-CD ist wie eine der von uns favorisierten Werkschauen eines Künstlers. Hier ist eine kurze und kompakte Geschichte über die Soul-Legende The Temptations aus Detroit, Michigan.
Einziger noch lebender Mitgründer ist der Oktober 1941 geborene Texaner Otis Williams (eigentlich Miles Junior, seit 1951 benutzt er den Geburtsnamen seiner Mutter Hazel Louise), der bis heute Leit-Vokallist der Gruppe The Temptations ist. Otis (Tenor), Elbridge „Al“ Bryant (Tenor) und Melvin Franklin (Bass) arbeiten 1960 in der Gesangsgruppe The Distants (regionaler Hit: Come On) zusammen. Nach einem Angebot von Berry Gordy von Motown Records löst sich die Truppe auf und mit den Zugängen Eddie Kendricks (Falsett) und Paul Williams (Tenor) wird die Gruppe The Elgins gründetet, aus der Otis und seine vier Kameraden im März 1961 dann in Detroit (Michigan) das Vokal-Quintett The Temptations formieren. Zwei weitere wichtige Namen der Gründerzeit sind Tenor David Ruffin der Al Bryant später nach seinem Rauswurf ersetzte und Produzent und Songschreiber Smokey Robinson, der die Hit-Fabrik mit vielen erfolgreichen Kompositionen versorgte. Die Temptations standen zwischen 1965 und 1969 mit zehn Alben in Folge auf Platz eins der US-amerikanischen R&B-Charts und bis weit in die 90ern wurden der Soul-Funk-Express als erfolgreichster R&B-Künstler weltweit geführt. Ab hier setzen die Titel des Doppel-Album Psychedelic Soul (2003) an, mit dynamischer zeitloser druckvoller vokalgestützten Tanzmusik der Extraklasse. Nachfolgend die weiteren Hit-Alben dieser Phase chronologisch und welcher Song sich davon auf der 24-Titel-Kompilation befindet.
Cloud Nine – Gordy 939 (Februar 1969) – Schon bei der Auswahl von diesem Album, leider ist der zeitlose Klassiker I Heard It Through The Grapevine nicht mit dabei, es geht aber mit Cloud Nine (3:31) und dem 10-Minüter Run Away Child, Running Wild schon mal richtig zur Sache. Das erste rhythmische Meisterstück in der erfolgreichen Kooperation mit Norman Whitfield.
Puzzle People – Gordy 949 (September 1969) – Mit Don't Let The Joneses Get You Down, I Can't Get Next To You, Message From A Black Man (6:03) und Slave (7:31) sind von diesem Album nun bereits vier Titel und auch die beiden längsten Stücke mit dabei.
Psychedelic Shack – Gordy 947 (März 1970) – Premiere, die bisher unveröffentlichte extralange Original Stereo Version von Psychedelic Shack (6:19) gelangt endlich an die Ohren der Fans. Allein dafür lohnt schon die Anschaffung dieser Premium-Retrospektive. Weitere Stücke von dem Album You Make Your Own Heaven And Hell Right Here On Earth, Hum Along And Dance (Eine druckvolle Version gibt es von Rare Earth, 1973: Ma), Take A Stroll Thru Your Mind, War und Friendship Train. Bis auf zwei Titel wurde das gesamte Album berücksichtigt.
Ball Of Confusion (That’s What The World Is Today) – Gordy 7099 (Mai 1970) – Noch eine unveröffentlichte Version (Single, Alternativer Mix).
Sky’s The Limit – Gordy 957 (April 1971) – Mit Smiling Faces Sometimes (noch eine druckvolle Version später von Rare Earth, 1973: Ma) gleich wieder ein überlanger Titel (12:40), dazu noch Ungena Za Ulimengu (Unite The World) und Love Can Be Anything (Can‘t Nothing Be Love But Love).
Solid Rock – Gordy 961 (Januar 1972) – Diesmal zwei kürzere Stücke mit Take A Look Around und Superstar (Remember How You Got Where You Are).
All Directions – Gordy 962 (Juli 1972) – Viele glauben, dass die US-Pressung der Schallplatte All Directions die beste Fassung von Papa Was A Rollin' Stone beinhaltet. Weit gefehlt, denn diese 12-minütige Version ist ein Kracher in jeder Hinsicht. Dasprägende Bass-Motiv wird vom 2012 verstorbenen Session-Bassisten Bob Babbitt gespielt. Das Funk-Rhythmus-Monster wird durch den vorangesetzten Titel Funky Music Sho Nuff Turns Me On auf dem vorherigen Startplatz stark mit angeschoben.
Masterpiece – Gordy 965 (Februar 1973) – Masterpiece ist mit 13 Minuten 49 Sekunden der längste Titel des Doppeldeckers und ein Meisterstück für die Ewigkeit. Auch Plastic Man ist stark, aber auch Law Of The Land und Ma (Versionen von Rare Earth, 1973: Ma) sind erstklassig, aber beide leider nicht mit auf dieser Zusammenstellung.
1990 – Gordy 966 (Dezember 1973) – Das letzte Album mit Norman Whitfield. Die beiden Titel Ain‘t No Justice und 1990 sind stellvertretend. Zwei weitere gute Songs von einem Album das in der Gesamtheit gegenüber den beiden vorherigen Meisterstücken All Directions und Masterpiece etwas abfällt, aber dennoch wären viele Formationen froh so einen Kracher aufgenommen zu haben.
Der Vollständigkeit halber: In der Zeit sind auch noch The Temptations Christmas Card (Gordy 951, Oktober 1970), Live At London’s Talk Of The Town (Gordy 953, Juli 1970) entstanden.
Die Temptations setzen ihren Weg bis zum letzten Nummer-Eins-Album A Song for You (Januar 1975) konsequent fort. Zwei Dutzend Alben von 1964 bis 1975, fast alle wochenlang Nummer 1 in den US-amerikanischen R&B-Charts. Danach riss die Erfolgsserie aber leider ab. Mit Einzug neuerer und populärerer Stile, wie dem Philly-Sound oder der Disco-Welle, konnten die Temptations nur noch mit bescheideneren Erfolg aufwarten. Nach 1975 und A Song for You gelang den Temptations nie wieder der Sprung unter die Top 40 der US-Charts. Auch mehr als 60 Jahre nach ihrer Gründung war die Truppe unter der Leitung des Originalmitglied Otis Williams; mit Ron Tyson, Terry Weeks, Tony Grant und Jawan M. Jackson; im Herbst 2022 zusammen mit den Four Tops auf Tournee in Europa. Am 30. Oktober 2022 traten The Temptations, mit Otis Williams an seinem 81. Geburtstag, im Berliner Admiralspalast auf. Bilder: Cover & Promo, Text: Roland Koch
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