Vom Trommeltanz der Inuit bis zur Moderne – Wie in allen, noch so abgelegen Gegenden der Welt, gehört/e Musik zum kulturellen Zusammenleben dazu. Die frühen Ursprünge der grönländischen Musik hat ihre Wurzeln im traditionellen Trommeltanz (Inngerutit) der Ureinwohner Inuit. Der Trommeltanz erfüllte in der Frühzeit mehrere soziale Funktionen: 1. Einerseits das Rechtsinstrument bei Streitigkeiten.
So wurde bei Gesangsduellen versucht sich gegenseitig so lächerlich wie nur möglich zu machen. Die Zuschauer drückten durch ihre Lach-Orgien aus, wer der Gewinner beziehungsweise wer somit der Schuldige ist. 2. Weiterhin konnte die Trommel von Schamanen auch für rituelle Geisterbeschwörungen eingesetzt werden, 3. Natürlich hatte der Trommeltanz auch eine reine Unterhaltungsfunktion. Nach Ankunft der Missionare im 18. Jahrhundert wurde der Inngerutit dann als heidnisch-schamanisch verboten und durch mehrstimmigen Gesang von Kirchenliedern (Tussiutit) verdrängt. Niederländische, deutsche und schottische Walfänger brachten ab dem 17. Jahrhundert die Fidel, das Akkordeon und die Polka (Kalattuut) nach Grönland, wo die Instrumente bis heute einzeln oder kombiniert als religiöse Musik mit Chorgesang aber auch zu komplizierten Tanzschritten gespielt werden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Musik anfangs von westlicher Musik-Kultur geprägt, vor allem vom US-amerikanischer Country. Dabei wurden Gitarre und Akkordeon als führende Instrumente genutzt. In den 1960er war Rock’n’Roll populär. Dann kam die Zeit von Per Berthelsen und Malik Høegh. Zu den bedeutendsten Musikern und Bands (neben Sumé) der jüngeren grönländischen Musikgeschichte gehören: Rasmus Lyberth, Lyberth & Co. mit Karl Johan Juaaka Lyberth und Ulf Fleischer, Ole Kristiansen, Nuuk Posse, Jukka Hautamäki (alias Blink, Kalat, Ihokas, Pax Futile, Approximate, Nanook), Rapper Tarrak (Josef Tarrak-Petrussen), Angu Motzfeldt, Julie Berthelsen, Nive Nielsen (Nive Nielsen & The Deer Children), Small Time Giants. Bilder oben L_R: Sumé Promo (F: Ebbe Knudsen), Malik Høegh (F: Susanne Mertz), Per Berthelsen (F: Susanne_Mertz), Bilder unten L_R: Emil Larsen (F: Susanne Mertz), Hjalmar Dahl (F: Susanne Mertz), Inuk Emile (F: Angu Motzfeldt)
Eine erfolgreiche Rock-Band aus Grönland ?? Ja, das ist echt kein Scherz. Sumé (grönländisch: Wo?) war eine grönländische Rock-Band, die 1972 in einem sozial aufgeladenen Klima entstand und von Malik Høegh-Millu (1952: Gesang, Gitarre_Gitaari, Komposition) und Johannes Per Berthelsen (1950 in Qeqertarsuaq: Gesang, Gitarre_Gitaari, Komposition) in Sorø (Dänemark) gegründet wurde. Dort, circa 83 km südöstlich von Kopenhagen, studierten zu der Zeit die beiden Gründungsmitglieder. Weitere Musiker Hans Fleischer (Schlagzeug_Tumerparpaat) und Erik Hammeken (Bass_Basseq). Bereits 1973 veröffentlichte die grönländische Band Sumé ihr Debüt Sumut (1973, Demos 13, grönländisch: Wohin?), das in Rekordzeit in allen Haushalten der eisigen Insel Einzug hielt. Es war das erste Rockalbum in grönländischer Sprache Kalaallisut und revolutionierte mit ihrem Protestgesang den grönländischen Polit-Rock. Es erschien beim dänischen Label Demos und wurde von circa 20 Prozent der grönländischen Bevölkerung gekauft.
Es wurde zu einem wichtigen Bestandteil der grönländischen Bewegung für kulturelle Unabhängigkeit von Dänemark. Diese externen Elemente verstärkten die Ablehnung in der lokalen Gemeinschaft, die sich als Bürger zweiter Klasse empfand und den Weg der „Grönlandisierung“ einschlug, um die Wiederbelebung der Inuit-Kultur, ihrer Sprache und ihrer Traditionen einzufordern. Die Band war vom amerikanischen Rock inspiriert, sangen aber auf Grönländisch und ihre Texte waren progressiv und kritisch gegenüber der dänischen Kolonialmacht. Doch Sumés Erfolg beruhte nicht nur auf ihrem eingängigen Rock-Beat, sondern auch auf der Fähigkeit der Band, den Zeitgeist in Worte zu fassen, in einer Zeit, in der die grönländische Kultur langsam in Vergessenheit zu geraten schien. In dem Lied Nunaqarfiit sangen sie: „Es ist Zeit, wieder als Inuit und nicht als Westler zu leben.“ Das Schallplatten-Cover von Sumut aus dem Jahr 1973 zeigte eine Reproduktion eines Holzschnitts von Aron De Kangeq aus dem 19. Jahrhundert, der einen Inuk-Jäger zeigt, der einen Normannen tötet.
Bereits das Cover des Debüt Sumut war eine echte Provokation. Es handelte sich um eine Kopie eines Holzschnitts des Künstlers Aron De Kangeq (1822-1869) aus dem Jahr 1860, der eine Szene aus einem lokalen Mythos darstellt, in der die legendäre Figur Qasapi (eine Art mystisches grönländisches Wesen ähnlich wie der Big Foot oder Yeti) dem nordischen Kolonisator den Arm abreißt. Eine Darstellung die den ursprünglichen Geist der Inuit zeigt und die dadurch zwangsläufig als Ode an den Widerstand interpretiert wurde. Die Rückseite des Covers zeigte eine beeindruckende Karawane von Inuit-Kanus, die durch die eisigen Gewässer des Landes gleiten und kraftvoll die reiche lokale Kultur beschwören, die die Musiker stets verteidigten. Damit übernahm Sumé gewissermaßen die Fahne der Revolution – in den folgenden Jahren mit tiefgreifenden Auswirkungen auf die lokale Musikszene. Das Album legte zweifellos den Grundstein für die Wiederaneignung der lokalen Identität.
Sumut beginnt mit dem prägenden Lied Pivfît Nutât – Nye Tider (Neue Zeiten), eine kraftvolle Hymne mit hohen Wiedererkennungswert. Getragen von einer soliden Rockbasis, markanten Riffs und Gitarrendialogen zwischen Høegh und Berthelsen, die den poetischen Protest und die Hoffnung des Inuit-Volkes meisterhaft vertonten. Das Album umfasst elf Kompositionen und wurde in den Rosenberg Studios aufgenommen, die 1971 von Ivar Rosenberg in Kopenhagen gegründet wurden. Kurze, präzise und melodische Stücke mit starkem vokalem Schwerpunkt prägen das Werk. Zur Stammbesetzung als Quartett gesellten sich Gastmusiker wie Jørgen Lang (Mundharmonika), Ole Høst (Saxophon), Thor Backhausen (Orgel, Flöte) und Kaj D. Holm (Violine) und Anders Peter Novrman (E-Gitarre). Die Produktion übernahm Karsten Sommer, ein bekannter dänischer Produzent und Fernsehmoderator sowie Gründer des grönländischen Labels Ulo.
Nach dem überwältigenden Erfolg von Sumut veröffentlichte die Band schon 1974 ihr zweites Album Inuit Nunaat (Demos 20), ein Werk, das seinem Vorgänger ebenbürtig war und das federführend von Erik Hammeken komponiert wurde. Zugleich war das auch Einstieg von Schlagzeuger Hjalmar Dhal und des Bassisten Emil Larsen. Musikalisch behielt die Band die Formel von Sumut bei, zeigte jedoch eine stärkere Präsenz von Keyboards. Neben der charakteristischen Gitarrenarbeit kam nun auch ein Moog-Synthesizer von Franz Beckerlee zum Einsatz, etwa in der Komposition Aasarisseruttoraa – Højsommer. Was die kontinuierliche Suche der Band nach neuen musikalischen Horizonten bestätigt ist beim Lied Sulutit – Dine Vinger die Mitwirkung des Chor Grønlænderkoret MIK. Getreu ihrem Stil zeigte Sumé auf diesem Album eine behutsame Weiterentwicklung und bewahrte aber die folkige Verwurzelung, die bereits den Erfolg des Debüts ausgemacht hatte. Hervorzuheben sind noch die Titel Kiisa Puigulertorpagit! – Omsider Kan Jeg Glemme Dig!, Takornartaq – Den Fremmede, sowie das außergewöhnliche Qullissat – Qullissat, ein progressiv aufgebautes Stück von fast sechs Minuten Länge.
1977 veröffentlichte die Gruppe ihr drittes Werk, ein selbstbetiteltes Album (ULO 1, nun beim Label ULO von Karsten Sommer), das wohl als das suggestivste ihrer Diskografie gilt und erstmals Instrumente wie auch das Mellotron einbezog. Das Album markierte die Rückkehr von Hans Fleischer am Schlagzeug und beinhaltete zudem die Mitwirkung des Gitarristen Karl Sivertsen, eines talentierten lokalen Musikers, der mehrere Kompositionen und Texte beisteuerte. Sivertsen wirkte auch an anderen Folk-Rock-Projekten mit, darunter Kalaaleqatikka – Alle Mine Frænder (1978, ULO 3) von Karl Johan Juaaka Lyberth. Das Album erschien später noch einmal zusammen mit Oqaluttuat – Fortællinger/Tales (Juaaka & Aasivik Band) als Doppel-CD (ULO 3/21). Karl Sivertsen war auch bei PiumássuseK Nukiuvok – Viljen Er Styrke (1978, Exlibris) von Rasmus Lyberth (1978) dabei. Später veröffentlichte er 1982 mit seiner Band ULO (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Label) das Album Sinnattoraangama Takusarpagit (1981, ULO 12), ein hochwertiges Folk-Prog-Werk, an dem ebenfalls Mitglieder von Sumé (Malik & Per) beteiligt waren.
Die kreative Pause hat dem Album gutgetan. Púke – Puk und Ikingutigaa – Min Ven (Der Er Ikke Længere Brug For Dig) eröffnen das Album und zählen zu den stärksten Stücken des Werks. Hinzu kommt Inúnek – Livet, eine wahre Hymne der Band. Diese drei von Karl Sivertsen geschriebenen Kompositionen markieren zweifellos einen weiteren kreativen Höhepunkt von Sumé. Der zweite Teil beginnt mit Kalâliuvunga – Jeg-Grønlænder, dass mit einer Inuit-Erzählung beginnt und sich anschließend mit dem typischen Sumé-Sound weiterentwickelt. Den Abschluss bildet die wunderschöne progressive Sivertsen-Høegh-Komposition Nunaĸarfît Náparĸigdlugit – Genrejse. In fünf Jahren von 1972 bis 1976 haben die Grönländer um Malik & Per fernab der großen Musikszenen Europas und Nordamerikas drei unterschiedliche, aber sehr authentische Werke geschaffen. Sie gehören zum Kulturgut der Inuit und der Grönländer. Sie zeigen deutlich das gute Musik nicht nur von hohen Budgets abhängig sind, sondern fast ausschließlich von der kreativen Kraft der Musiker. Auch Künstler anderer nordischer Länder waren damals nicht im Fokus der großen Märkte, beispielsweise Wigwam aus Finnland, Jan Garbarek, Terje Rypdal und Titanic aus Norwegen oder Bo Ingemar Gunnar Hansson aus Schweden. Über alle diese Künstler werden im MINT noch Beiträge erscheinen.
Wenige Monate nach der Veröffentlichung löste sich die Band erst einmal auf. Die Kompilation Sumé 1973-76 (ULO 46) mit insgesamt 18 Titeln aus den drei vorherigen Alben erschien 1988. Sumé kam jedoch in den folgenden Jahren mehrfach wieder für Auftritte zusammen, bis sie dann 1994 mit Persersume (ULO 100) zurückkehrten – diesmal als Septett mit Emil Larsen (Bass), Hans Fleischer (Schlagzeug), Hjalmar Dahl (Percussion), Sakio Nielsen (Keyboards) sowie den Gitarristen Karl Sivertsen, Per Berthelsen (Führende Gitarre) und Malik Høegh (zwölfsaitige Gitarre, Gesang). Persersume, aufgenommen im April 1994 im Studio Aqisseq (Aasiaat, Grönland) von Karsten Sommer und von ULO veröffentlicht, bestätigt die diskrete und zutiefst introspektive Identität von Sumé innerhalb des europäischen Rockkontextes. Statt auf virtuose, punktuelle Effekt-Hascherei setzte die Band auf ruhige gestaffelte Entwicklungen, dichte Atmosphären und eine geschlossene musikalische Erzählweise. Das vierte Album lebt auch von geschichteten Keyboard-Strukturen und den dazu verzahnten Klängen von reduzierter Gitarren und Perkussion. Stücke wie Persersumi, Illinnguaq, Kimmernannguaq und Suungitsoq verdeutlichen diesen Ansatz, indem sie mehr auf traumhafte Klanglandschaften als auf unmittelbare Kurzzeit-Wirkung setzen.
Grönlands singende Friedenskämpfer – Mehr als vier Jahrzehnte nach dem Erscheinen vom Debüt Sumut war die Band Haupt-Protagonist der Musik-Dokumentation Sumé: Mumisitsinerup Nipaa – Sumé: The Sound Of A Revolution – Sumé: Der Klang Einer Revolution (10-2014, ULO 174) unter der Regie von Inuk Silis Høegh. Ihre politischen Lieder waren die ersten, die in grönländischer Sprache aufgenommen wurden – einer Sprache, die vor Sumé keine Wörter für „Revolution“ oder „Unterdrückung“ kannte. Nach 250 Jahren dänischer Kolonialherrschaft stieß Sumé eine Wiederbelebung der grönländischen Kultur und Identität an und ebnete den Weg für eine grönländische Selbstverwaltung. Der 73-minütige Dokumentar-Film zeigt wertvolles Archivmaterial von Liveauftritten und zeitgenössischen Bildern und erzählt die Geschichte der Band sowie ihren Einfluss auf die grönländische Politik. Geschildert von den Mitgliedern selbst und ihrem engsten Umfeld. Wie die uralten Eismassen, die ihre Entstehung inspirierten, lebt Sume bis heute fort und bestätigt den ungezähmten Geist, der ihre Karriere geprägt hat und maßgeblich zum kulturellen Erwachen und zur sozialen Selbstbehauptung ihres Landes beitrug. Kreativer Produzent: Emile Hertling Péronard, Kameramann: Henrik Bohn Ipsen, Herausgeber: Per K. Kirkegaard, Sounddesign: Jon McBirnie und Rune Hansen, Tonmischung: Rasmus Winther, Koproduzenten: Vibeke Vogel und Elise Lund Larsen, Bullitt Film & John Arvid Berger, Jabfilm, Produziert von Ánorâk-Film, In Koproduktion mit Bullitt Film Aps und Jabfilm, Filmverleih: Mindjazz Pictures, Kino-Start: 21. Januar 2016, Laufzeit: 91 Minuten,
Julie Ivalo Broberg Berthelsen – Sie wurde am 7. Juni 1979 geboren. Die grönländische Popsängerin erlangte nationale Bekanntheit in Dänemark und Grönland, nachdem sie 2002 in der dänischen Fernsehshow Popstars den zweiten Platz belegt hatte. Als Julie erst wenige Monate alt war, ließen sich ihre grönländische Mutter und ihr dänischer Vater scheiden, und Julie kehrte mit ihrer Mutter und Schwester nach Grönland zurück. Ihre Mutter heiratete den grönländischen Musiker Per Berthelsen von der Band Sumé, der ihr Stiefvater und ein wichtiger musikalischer Einfluss wurde. Mit 15 Jahren begann sie, im Background für Sumé zu singen. Neben ihrer Musikkarriere studiert sie Medizin und moderierte bereits mehrere Fernsehsendungen. 2010 veröffentlichte sie ein Album mit ihren Versionen von Liedern, die ihr Stiefvater mit Sumé aufgenommen hatte.
ULO & Aqisseq-Studio – Grönlands einziges großes Label. Angeschlossen an das Aqisseq-Studio. Gegründet 1977 vom dänischen Produzenten und Journalisten Karsten Sommer, zunächst nur als Label, später mit eigenem Aufnahmestudio in Sisimiut, Grönland. Vor der Gründung von ULO hatte Sommer bereits Alben grönländischer Künstler für das dänische Label Demos produziert. Er lebt heute in Grönland. Das Label ist unabhängig und hat sich der Bewahrung und Verbreitung grönländischer Musik verschrieben. Es hat über 100 Alben veröffentlicht. Seit etwa zehn Jahren scheint es nicht mehr aktiv zu sein (die Website ist ebenfalls seit Jahren offline).
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