Tragik Rock: Nicholas Rodney Drake (UK)

Veröffentlicht am 4. Mai 2025 um 13:17

Ein übergroßes Talent verliert viel zu früh den Kampf gegen seine Dämonen – Wenn es tragische Geschichten in der Rock-Musik gibt, so ist wohl die von Nicholas Rodney Drake eine der sehr traurigen Art. Drei wunderschöne, unterschiedliche, niveauvolle Studio-Alben (und eine Kompilation) in nur drei Jahren. Kritiker begeistert, die Konsumenten bekommen es nicht wirklich mit.

Klinikaufenthalt und immer stärkere Medikamente gegen ständige quälende Zweifel, leider nutzlos !! Dieser melancholische, gutaussehende Musiker und Cambridge-Student Nick Drake hat am 25. November 1974 in seinem 27-igsten Lebensjahr in Tanworth-In-Arden, ein Dorf das auf einen Bierdeckel passt und im englischen Niemandsland im Dreieck Birmingham, Coventry, Worchester liegt, den Kampf gegen seine Dämonen verloren. Diese (Ärzte & Dämonen) hatten ihm wie so oft vorher zu starken Anti-Depressiv-Mitteln geraten, ihm aber eine zu hohe Dosis empfohlen. Er wurde tot in seinem Bett aufgefunden, bis heute ist unklar ob gewollt, versehentlich oder vorsätzlich. Er hat den legendären Club-27 nur knapp verpasst, ebenso tragisch. Eine Erweiterung der Geschichte ist in Arbeit (siehe hierzu unten Interview mit Zeitzeugin Sonja Wagner).

Ich bin in einer Akustik-Rock-Phase Anfang der 80er durch Zufall auf die Musik von Nick Drake gestoßen, habe den ersten Titel aufgelegt (Vinyl-Album Bryter Layter von der 1979er Island-Vinyl-Box Fruit Tree) und bin wie viele Musik-Maniacs vor mir, sofort in die Welt von Nick hineingezogen worden. Eines seiner Markenzeichen war sein ungemein raffiniertes, sauberes Gitarrenspiel, darüber legte der Engländer seine unvergleichliche, signifikante Stimme. Seine drei offiziellen Alben wurden schon damals allesamt von vielen Musik-Kritikern sehr positiv bewertet, im Radio wurden seine akustischen Juwelen allerdings kaum gespielt, die daran gekoppelte Popularität und auch der kommerzielle Erfolg wollte sich dadurch nicht wirklich einstellen. Die Verkaufszahlen waren gering und dadurch sehr unerfreulich, vor allem für Nick. Zudem wollte/konnte Nick Drake nicht live auftreten und echte Single-Hits hatte er zudem auch nicht zu verzeichnen. Die Folge war, dass er sich immer mehr in sich selbst zurückzog und folglich von immer massiveren Depressionen geplagt wurde. Sein absolut zeitloses Werk wurde Zeit seines Lebens nicht sonderlich bekannt, das änderte sich erst ein wenig mit seinem frühen Tod. Heute zählen seine Songs zu den All-Time-Favoriten nicht nur vieler Folk-Fans, aber dennoch ist Nick nach wie vor ein Geheimtipp geblieben (die VW Werbung hat daran auch nicht viel geändert). Auf dem nordamerikanischen Markt werden die später veröffentlichten Aufnahmen von Nick Drake von Rykodisc und Hannibal Records mit unterschiedlichen Produkten als in der EU und Japan (Island Records) vermarktet. Deshalb kam/kommt es zu einer Vielzahl von verschiedenen Kompilationen. Das komplette, sehr überschaubare Werk des Engländers ist anschließend mit der ultimativen 5CD-Box Tuck Box gut beschrieben. Darin findet man alle bisher von Familie Drake und dem Label Island freigegebenen Aufnahmen. Alle fünf Alben sind auch als überarbeitete Einzel-Alben erhältlich. Wer also nicht die Werkschau als 5CD-Box braucht oder bekommt, ist mit den fünf Alben als Single-Produkt ton- und infotechnisch sehr gut bedient.

Die zuletzt veröffentlichte Tuck Box (2013: Island Records) liefert nun nahezu das gesamte Werk des Folkmusikers (die John-Peel-Session vom 05. August 1969 wurde 2014 bei Antar Records veröffentlicht), der völlig zu Recht im selben Atemzug genannt werden kann mit Musikern wie Van Morrison, Tim & Jeff Buckley, Leonard Cohen oder Bob Dylan, in der Frühphase. Die Box beinhaltet, ohne weitere neue Fundstücke oder Bonus-Titel die drei Studio-Alben Five Leaves Left (1969: zehn ruhige, melancholische und sparsam instrumentierte Songs, teilweise mit Streicher-Arrangements mit warmer Stimme vorgetragen, überzeugendes präzises Gitarrenspiel). Bryter Layter (1970: sehr persönliche Texte, getragen von Stars der Folk-Szene, unter anderem Richard Thompson, Dave Pegg, Dave Mattacks, Ray Warleigh, Mike Kowalski und John Cale. Gilt allgemein als sein bestes Werk. Ein vergleichsweise fröhliches Album). Pink Moon (1972: aufgenommen in nur zwei Nächten ohne Begleitung; Solo Gitarre und Klavier. Warmer, intimer Sound, aber auch zunehmend Klaustrophobisch). Alle Titel haben insgesamt ein sehr hohes Niveau, keiner davon fällt signifikant ab. Made To Love Magic (2004: eine Outtake-Kompilation mit unter anderem den letzten fünf Liedern von Nick, die für das vierte Album geplant waren). Family Tree (2007), 27 historische Demo-Aufnahmen aus der Zeit vor seinem ersten Album. Auch die Aufnahmen auf dieser CD sind überwiegend im Haus seiner Eltern in Tanworth-In-Arden entstanden, noch vor der Produktion seines Debüts Five Leaves Left. Es sind einige frühe Versionen bekannter Songs dabei, ebenso einige Blues-Klassiker. Überhaupt ist erstaunlich wie stilsicher sich Nick Drake im Folk-Blues bewegt. Erwartungsgemäß ist die Qualität eingeschränkt (Demo-Level). Deshalb ist diese fünfte Schatztruhe wohl auch eher als Zeitzeugnis und als Komplettierung für Drake-Fans zu sehen. Made To Love Magic und Family Tree erschienen erfreulicherweise auch als Single-CD's.

Die massive Box hat die Masse 185 mal 185 mal 55 Millimeter. Alle fünf CDs liegen fest in einem eingelassenen Fach. Die Einzel-CDs erscheinen in aufklappbaren Papp-Cover (Digi-Paks) mit Original-Artwork (Farb- und Druckqualität sind sehr gut). Jede einzelne CD enthält ein 12 bis 16-seitiges Büchlein, bei den drei Original-Alben sogar mit allen Song-Texten. Zusätzlich liegen der Box fünf Reproduktionen der originalen Promo-Poster bei. Laut Werbung ist die Box der Nachbau eines Kästchens, das Nick Drake im Original nutzte, um die Kuchensendungen seiner Mutter aufzubewahren. Erfreulich ist auch, dass diese Schatztruhe sehr wertig daherkommt und so auch das künstlerische Gesamtwerk dieses besonderen Menschen würdigt. Die Musik von Nick Drake hat es wahrlich verdient, immer wieder von neuen Musik-Enthusiasten entdeckt zu werden! Meines Erachtens als Einzel-Alben oder Box, Ultra-Empfehlungsstufe, für Musikliebhaber unverzichtbar !! Nicht nur kaufen, sondern regelmäßig anhören/anschauen !!

Verlängerung: Halbzeit EINS – Mit Musik, Texten, Gedichten und Bildern: Wer noch etwas tiefer in die Welt der Familie Drake eintauchen möchte, dem sei zuerst einmal das Solo-Werk von Mutter Molly Drake ans Herz gelegt. Das gibt es als Einzel-CD Molly Drake in verschiedenen Ausgaben oder als schön gestaltetes inzwischen rares, antiquarisches Compact-earBOOK Tide's Magnificence von Fledg'ling Records. Hier bei der wertigen und empfehlenswerten Luxus-Ausgabe gibt es auf 196 Seiten, eine Einleitung von Tochter (Nick's Schwester), Schauspielerin Gabrielle Drake, 79 Gedichte von Molly (1935-1993), Lieder-Texte, Geschichten, Fotos sowie zwei CD´s mit 19+7 einfachen, schönen Liedern von Molly (Gesang, Klavier), die in den 50/60igern von Ehemann Rodney Drake, in der damaligen Zeit natürlich in Mono, mit einfacher privater Aufnahmetechnik auf einem Tonband aufgenommen wurden. Die Aufnahmen, einige davon wurden bereits auf Family Tree und anderen Ausgaben veröffentlicht, sind gut technisch aufbereitet, aber sie sind dennoch als Zeitzeugnisse zu sehen. Star-Produzent, Musik-Manager und Buch-Autor (White Bicycles: Musik in den 60er Jahren) Joe Boyd meinte zu dieser Ausgabe: Das ist die fehlende geschichtliche Verknüpfung zu Nick Drake. Dem stimme ich uneingeschränkt zu. Desweiteren ist das Tribute-Album The Songs And Poems Of Molly Drake von The Unthanks (Becky & Rachel Unthank) mit der Ausgabe Nummer 4 in der Abzweig-Serie Diversions eine tiefe Verbeugung vor einer starken Frau und Mutter von Nick Drake. Schöne Musik mit Emotionen und Tiefe.

Verlängerung: Halbzeit ZWEI – Mit Musik über viele Genres: Jazz-Pianist Brad Mehldau hat auch viele Songs von Nick Drake aufgenommen und dadurch dem Jazz-Publikum nähergebracht. Weiterhin hat der Trompeter Nick Smart und seine Mitmusiker (beispielsweise Sängerin Christine Tobin, Drake-Mitmusiker Ray Warleigh an Saxofon, Flöten) 2005 in Nick Smart's Black Eyed Dog: Remembering Nick Drake einige der bekannteren Kompositionen von Nick Drake adaptiert für Jazz-Kammer-Ensemble. Ein hörenswertes, gelungenes Tribute-Album und eine etwas andere Sicht auf die Poesie des Meisters der Melancholie Nicholas Rodney Drake. Auch die Zusammenstellung Brittle Days: A Tribute To Nick Drake ist sehr interessant, geht die Sache aber aus Richtung Alternative-Rock an. Hier sind beispielsweise moderne Interpretationen und Beiträge von The High Llamas, The Walkabouts, No Man (Steven Wilson und Tim Bowness), Loop, The Changelings zu hören.

Nach-Spiel-Zeit – Mit Video und Film: Die Drake-Video-Dokus A Stranger Among Us: In Searching Of... (1998), A Skin Too Few: The Days Of Nick Drake (1999, Film Director: Jeroen Berkvens) und Nick Drake: Under Review (2007) haben alle das gleiche Problem, kein Film-Material und nur recht wenige gute Fotos. Also Geld sparen und eventuell in das 350-seitige Buch Dancing With Mr. D.: Tod In Popmusik Und Kunst (12-2019, Wienand) investieren, auch dort gibt es ein Kapitel über die Tragik mit Nick Drake. Nicht vom düsteren Titel abschrecken, sondern sich über dieses Thema gut informieren lassen. Es gibt auch ein paar englischsprachige Bücher, 2014 erschienen ist das sehr schöne Remembered For A While mit einem Vorwort der Schwester Gabrielle Drake und einem Haufen sehr schöner Bilder. Auch hier ist der Begriff Drake-Bibel schon wieder nicht unangebracht. Inzwischen wurde nachgeladen und es gibt einige schöne englischsprachige Biografien.

Sonja Wagner im Gespräch (hier Auszüge) mit Jürgen Weber von Musik An Sich !!

Jürgen: Gary Thain und Nick Drake waren wohl hervorragende Musiker. Vor allem die drei Alben von Nick Drake werden von Kritikern bis heute in den höchsten Tönen gelobt. Warum hat es Ihrer Meinung nach mit dem Erfolg nicht geklappt und ging Niclk letztlich daran zugrunde? +++ Sonja: Bezüglich Nick Drake denke ich, die Welt war damals noch nicht reif für ihn, er war seiner Zeit weit voraus, was man auch über Garys Bassläufe sagen kann. Wer sich die Mühe macht, ganz genau hinzuhören, versteht, was ich meine. Beiden gemeinsam war, dass sie Zeit ihres Lebens nicht wirklich die Anerkennung fanden, die sie verdient hätten, Nick für seine drei großartigen Alben, und Gary für seine außergewöhnlichen Bassläufe und auch für seine wenigen überlieferten Kompositionen. Zum Beispiel Garys Lied vom '72nd Brave' Album aus der Keef Hartley Zeit: Es ist im Lombardischen Rhythmus, er spielt Gitarre, Bass und singt. Allein schon wie er Gitarre spielt, zeigt von seinem universellen Können, man kann ihn nicht nur als Bassisten sehen, er war einfach ein Vollblutmusiker. Zurück zu Nick: Ich glaube es kommt in meinem Buch ziemlich klar rüber, dass Nick, wie man so schön sagt, zu gut für diese Welt war. Er liebte die Natur; Freundschaft und Liebe standen bei ihm hoch im Kurs und er vermied es, Menschen zu verletzen, ja sogar schlecht über jemanden zu sprechen. Lieber sagte er gar nichts... was dann als depressiv ausgelegt wurde und von seiner Plattenfirma als Mythos aufgebauscht wurde. Es klingt vielleicht hart, aber ich persönlich, und das war auch Garys Meinung, halte die Ärzte, die Nick drei verschiedene Anti-Depressiva zugleich verschrieben hatten, für schuldig, oder zumindest mitschuldig an seinem Tod, ich habe es miterlebt, wie ihn diese Pillen verändert haben, und sein Leben immer mehr den Bach runterging, je länger er sie einnahm. Natürlich hat er auch andere Drogen genommen, aber das letzte Jahr vor seinem Tod hat er nicht einmal mehr Hasch geraucht, nur mehr die verschriebenen Tabletten... Nick ging sicherlich nicht an seiner Erfolglosigkeit als Musiker zugrunde, sein Tod war für mich immer ein bedauerlicher Zufall. Abgesehen von seiner Familie kannte ich ihn wahrscheinlich am Besten, und eines weiß ich sicher, er hätte nie Selbstmord begangen, schon gar nicht zuhause, wo ihn seine Mutter finden musste. Er hat einfach versehentlich zu viele Tabletten geschluckt, und das war's dann auch...

Jürgen: Sind Gary Thain und Nick Drake letztendlich Opfer ihrer Drogensucht geworden? Und was wäre ohne Drogen wohl aus ihnen geworden? +++ Sonja: Wie schon vorher erwähnt, ich denke nicht, dass Drogen das Hauptproblem waren. Als letzte Lebensgefährtin habe ich noch alle Dokumente von Gary, auch seinen Totenschein und den Obduktionsbefund, somit kann ich klar beweisen, dass Gary nicht an seiner Drogensucht gestorben ist. Leider hält sich das Gerücht, er sei an einer Überdosis Heroin gestorben hartnäckig.

Das Werk von Nicholas Rodney Drake in seiner Ganzheit, spiegelt auch eine sehr wichtige Facette der Menschen wieder, somit wird uns seine Lyrik, Poesie und tönerne Ausdruck mit Instrumenten und Stimme sowie seine tragische Geschichte noch sehr lange begleiten. Das Menschen sich damit immer wieder beschäftigen sieht man auch an den vielen Erscheinungen in Ton (beispielsweise gemeinsame Aufnahmen mit Sandy Denny oder Elton John, Tributes, etc.) und Schrift (Bücher, Artikel). Weitere geplante Beiträge Tragische Rocker: Tommy Bolin, Roy Buchanan, Bob Geldof, Randy California, Tim & Jeff Buckley, Moby Grape, Molly Hatchet, Badfinger, Alex & Leslie Harvey, David Byron & Gary Thain, Noel Redding, Keith Relf, Popol Vuh, Interzone, Wolfgang Riechmann und weitere, alles sehr spannende Themen aus durchaus interessanten Blickwinkeln. Klingende Grüsse Nick, egal wo du jetzt bist. [B: Promo & Cover, T: Roland Koch]

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