Die Formation hinter The Alan Parsons Project – Und täglich grüßt das Rock-Murmeltier, könnte man hier mal wieder bei dieser wunderbaren britischen Geschichte sagen. Das Muster kennen wir schon von einer anderen Band; Abbey Road, EMI-Studios, die Beatles, fantastische Formation mit Potential ein Schwergewicht zu werden; aber es kam alles ganz anders.
Die Geschichte der schottischen Pop-Rock-Band Pilot begann 1970, als sich David Paton (29-10-1949) und William Christison Lyall (26-03-1953) als Mitglieder der frühen Boy-Band Bay City Rollers kennenlernten. Das Zusammenspiel bei den Rollers war aber nur von kurzer Dauer. Schon im Oktober 1970 verließ Paton die Rollers, ein Jahr später schied auch Billy Lyall aus. Knapp einen Monat später trafen sich die beiden zufällig vor der Zentralbibliothek in Edinburgh in der Nähe der George-IV-Bridge, wo sie beide zur gleichen Zeit die Musik-Bibliothek aufsuchten. Billy Lyall war zu dieser Zeit Haustechniker in den Edinburgher Craighall Studios, in denen er in seiner Freizeit selbstgeschriebene Songs aufnahm. Dieses Zusammentreffen sollte später in dem Song The Library Door auf dem Album Two's A Crowd Namensgeber werden. Im Laufe des Jahres 1972 trafen sich Paton und Lyall regelmäßig jede Woche, um gemeinsam zu komponieren und Demosongs aufzunehmen. So kamen mehr als hundert Songs zusammen. Um diese auch als Band zu präsentieren, engagierten sie den ebenfalls aus Edinburgh stammenden Schlagzeuger Stuart Tosh und gründeten 1973 ihre gemeinsame Band. Aus den Anfangsbuchstaben der Nachnamen der drei Musiker entstand durch Zusatz zweier Vokale schließlich der Bandname Pilot.
Nachdem sie im April 1974 bei EMI Records als Trio ihren heiß ersehnten Plattenvertrag unterschrieben hatten, begann die Band sofort mit den Aufnahmen zum Album From The Album With The Same Name in den Abbey Road Studios. Betreut wurden sie dabei von keinen geringeren als Alan Parsons als Produzent. Die Verantwortlichen von EMI Records hatten allerdings vor, sie ähnlich wie die Bay City Rollers aufzubauen, was später noch zu Differenzen führen sollte. Immerhin hatten sie zwei Mitglieder der Rollers bei Pilot an Bord. Als ersten Titel nahmen sie zuerst Just A Smile auf, das am 7. Juni 1974 als Single veröffentlicht wurde, aber nicht in die Charts kam. Während ihrer verschiedenen Aufnahme-Sessions merkte die Band, dass sie eigentlich noch einen Gitarristen benötigten. So überzeugten sie den in Edinburgh arbeitenden Session-Gitarrist Ian Bairnson (03-08-1953) seine Gitarrenparts, zum Beispiel zu Just Let Me Be oder High In The Sky, beizusteuern. Während sie die Aufnahmen und den Mix des Albums beendeten, wurde ihnen auch klar, dass sie jemanden brauchten, der entweder Bass oder Gitarre spielte, vor allem für eine geplante Tournee.
Sie hörten sich verschiedene Bassisten an, fanden aber keinen geeigneten, passenden Kandidaten. Als sie dann auch noch ein Vorspielen für potentielle Gitarristen abhielten, kam Ian Bairnson zufällig in den Abbey Road Studios vorbei, um zu sehen wie sie vorankamen. Einen geeigneteren Gitarristen als Bairnson konnten sie eigentlich nicht finden. Deshalb baten ihn die „Piloten“ spontan doch als festes Mitglied bei Pilot einzusteigen. Auch Ian Bairnson war bereit für diese Aufgabe. Daraufhin wechselte David Paton dauerhaft zum Bass. Die Verantwortlichen bei EMI waren mit dieser Entscheidung nicht besonders zufrieden, weil sie der Meinung waren, dass diese Besetzung nun im Widerspruch zu dem geplanten Image stand, das sie für die Band Pilot schaffen wollten. Die Mitwirkung Ian Bairnsons, mit seinen unvergleichlichen Harmonie-Gitarren- und Soloarbeiten, sollte allerdings zu einem Glücksfall für die Band und ein Markenzeichen des Bandsounds in der Folgezeit werden.
David Paton sagte 2020 im Interview mit der Musik-Fachzeitschrift Goldmine dazu Folgendes: Ian war ein großer Gewinn für uns, denn EMI wollte uns als Teeny-Popper-Band vermarkten, und ich wusste, dass sie genau das wollten. Sie wollten ein viertes Mitglied in der Band, nachdem das erste Album aufgenommen worden war. Sie wollten einen hübschen Jungen und es war ihnen egal, wie er spielte. Das störte mich und auch Billy, denn wir betrachteten uns schon als ernsthafte Musiker. Also holten wir Ian wegen seines Talents ins Boot, und es hatte nichts mit seinem Aussehen zu tun. Ich habe deswegen viel Widerstand von EMI bekommen. Aber ich bin wirklich froh, dass ich bei meiner Meinung geblieben bin und gesagt habe: „Nein, er ist der Gitarrist!“
Bevor es zur nächsten Single-Auskopplung kam, veröffentlichte die Band unter dem Pseudonym Scotch Mist die weitere Single Ra-Ta-Ta (06. September 1974), mit der B-Seite Pamela (Paton-Lyall-Komposition), auch wieder von Alan Parsons produziert. Es blieb bei dieser einzigen Veröffentlichung. Von einem echten Erfolg konnte aber nicht gesprochen werden. Erst die Auskopplung Magic vom Pilot-Debüt platzierte sich in Deutschland in den Top 40, verfehlte in England nur knapp die Top 10 und stieg in den Vereinigten Staaten bis auf Rang fünf. 1996 wurde Magic als sogenannter Thema-Song in der Filmmusik des Adam Sandler Films Happy Gilmore – Ein Champ Zum Verlieben verwendet. Das Album selbst konnte sich allerdings nicht in den Charts platzieren. Auf diesem Erfolg aufbauend, ging die Band mit The Sparks auf eine UK-Tournee. Mit January, das später auf dem Album Second Flight erschien, belegte die Band im Februar 1975 drei Wochen lang die Spitzenposition der englischen Charts. In Deutschland und Österreich schaffte es das Lied in die Top 20. Im selben Jahr folgten mit Call Me Round, einem weiteren Titel vom Album Second Flight, und Just A Smile, das bereits 1974 erschienen war und nun erneut verlegt wurde, zwei kleinere Hits.
Weitere Probleme mit dem Management kamen zustande, als diese Herrschaften Lyall dazu überredete, die Band zu verlassen und eine Solokarriere zu beginnen. Da Billy Lyall sowieso keine Freude an Tourneen hatte, war dieser Schritt schnell vollzogen und führte zu dem zwar wenig erfolgreichen aber trotzdem brillanten Solo-Album Solo Casting (1976). Eigentlich hätte dies auch ein reguläres Pilot-Album sein können, da alle anderen „Piloten“ ebenfalls mit an Bord des Flugkörpers waren. Interessanterweise war die, parallel erscheinende, nächste Pilot-Single Lady Luck wieder eine Paton-Lyall-Komposition, die aber auf keinem regulären Album enthalten war. Später ging Billy Lyall zu Dollar (UK-Pop-Duo bestehend aus David Van Day und Thereza Bazar, beide zuvor Mitglieder von Guys 'n Dolls). Er starb bereits im Dezember 1989 an Aids.
In der Zwischenzeit hatte Alan Parsons beschlossen, mit den Aufnahmen von Tales Of Mystery And Imagination (VÖ: April 1976) zu beginnen, ein reines Produzenten-Album mit den besten Musikern, mit denen er schon zusammengearbeitet hatte. Beeindruckt von der musikalischen Handwerkskunst der Pilot-Mitglieder, lud er sie ein, auf diesem Album mitzuspielen, was alle drei verbliebenen Pilot-Mitglieder taten. Dies war die Grundlage für das, was sich später als The Alan Parsons Project herausstellte.
Produzent der meisten Tonträger war Alan Parsons, lediglich bei Morin Heights, dem dritten Album, übernahm 1976 Roy Thomas Baker (Produzent von Queen) diese Aufgabe. Für die Aufnahmen zogen sich die drei verbliebenen Bandmitglieder in die Morin Heights Studios in Quebec, Kanada, zurück. Der Aufenthalt und auch die Produktion verliefen teilweise haarsträubend. Es wurde viel experimentiert. Zwei Singles wurden vor der Veröffentlichung des Albums herausgebracht, die aber nur sehr mäßigen Erfolg verzeichnen konnten. Aber viel heftiger traf die Band der plötzliche Weggang ihres Schlagzeugers Stuart Tosh, der eine Woche vor der Veröffentlichung von Morin Heights (1976) aus „privaten Gründen“ ausstieg. Kurze Zeit später sollte Tosh der neue Schlagzeuger bei 10cc werden. Obwohl das Album nie in den USA erschien, wurde es das am meisten verkaufte Album der Band. Dass aufgrund interner Management-Probleme keine Tourneen unternommen werden konnten, wurde zu einem echten Problem für die Band. Dies beeinträchtigte die Möglichkeiten von Pilot, sich auf den Märkten zu etablieren, auf denen ihre Songs am erfolgreichsten waren. Letztendlich absolvierten sie nur zwei Tourneen in Großbritannien.
Im Interview mit Goldmine erklärte Paton: „Es lag nicht mehr in unserer Hand, und wir wollten unbedingt touren, vor allem dorthin, wo die Songs am erfolgreichsten waren. Wir alle wollten das, aber das Management war zu beschäftigt, und ich glaube, sie waren wirklich überfordert. Sie wollten ein Imperium aufbauen und sie wollten einfach mehr Geld von der Plattenfirma, wie Vorschüsse und ähnliches. Zwei Tourneen durch Großbritannien sind nichts, wenn man bedenkt, welches Publikum wir hätten haben können. Wir hätten nach Japan und Australien gehen können. Damals waren wir ein bisschen naiv.“
Auf Pilots viertem Album Two’s A Crowd (Arista, 1977) wurde Billy Lyall durch Steve Swindells an den Keyboards ersetzt. Viele halten dieses Album für Pilots bestes Werk überhaupt. Bemerkenswert ist dabei die Tatsache, dass Paton und Bairnson parallel an einem Tag an ihrem neuesten Album arbeiteten, am anderen Tag mit Alan Parsons an dessen neuem Album I Robot. Auch als Paul McCartney, der zur selben Zeit Mull Of Kintyre in den Abbey Road Studios aufnahm, ein paar „echte schottische Stimmen“ benötigte, hatten Paton und Bairnson dafür noch Energie. Leider wurde das Album, genau wie sein Vorgänger, nie in den USA veröffentlicht. 1977 löste sich Pilot auf. Bairnson und Paton blieben (auch nach dem Ausstieg von Stuart Tosh) nach wie vor der musikalische Kern von The Alan Parsons Project und arbeiteten weiter als Studio-Musiker, unter anderem mit Kate Bush oder Chris De Burgh.
2001 haben sie sich wieder als Pilot zusammengetan. Als Ergebnis dieser Reunion wurde 2002 das Album Blue Yonder bei Jak Records veröffentlicht. Es bestand zum größten Teil aus neu aufgenommene Titel aus dem 1977er Album Two’s A Crowd, zwei neue Songs und einen Live Track aus 1975. Wegen erheblicher Differenzen mit der Plattenfirma Arista wurde das Originalalbum von 1977 zunächst nicht als CD veröffentlicht. 2005 haben Pilot dann, wohl auch auf weltweiten vielfachen Wunsch ihrer immer noch sehr großen Fan-Gemeinde, Two’s A Crowd endlich auf CD, wenn auch nur in Japan, herausbringen können. 2014 veröffentlichten Paton, Bairnson und auch Stuart Tosh wieder als komplette Band Pilot ein Album namens A Pilot Project, das ausschließlich Stücke des Alan Parsons Project enthält. Im gleichen Jahr, am 6. September 2014, spielten David Paton, Ian Bairnson und Stuart Tosh nach 39 Jahren wieder zum ersten Mal in originaler Besetzung (ohne den verstorbenen Billy Lyall) auf dem Midfest in Edinburgh.
2016 und 2017 waren Pilot vornehmlich in Japan, Großbritannien und Deutschland live zu sehen. Die beiden Ur-Mitglieder David Paton und Ian Bairnson wurden dabei unterstützt von Kenny Hutchison (Keyboards, Gesang), Calais Brown (Gitarre, Gesang), Dave Stewart (Schlagzeug, Gesang) und Irvin Duguid (Keyboards, Gesang). 2019 veröffentlichte David Paton sozusagen im Alleingang einen Nachfolger von A Pilot Project, The Traveller – Another Pilot Project. Bis auf wenige Ausnahmen spielte er alle Instrumente selbst ein. 2020 veröffentlichte das Label Cherry Red (Rough Trade) ein 4 CD-Box-Set, welches alle 4 Alben und Singles (auch als Scotch Mist) der Band enthält plus einige seltene Aufnahmen als Bonustitel. Im Juli 2021 veröffentlichte Pilot (Paton und Bairnson) The Magic EP, auf der 4 komplett neu aufgenommene ältere Songs zu hören sind: Magic, January, Just A Smile und Over The Moon. Letzterer wurde für diesen Zweck komplett neu arrangiert. Am 21. März 2022 erschien eine Kompilation der größten Hits von Pilot The Magic Collection. Ian Bairnson verstarb am 07. April 2023.
Wer nach lesen dieser Geschichte nun auch an Badfinger denkt, das kommt nicht von ungefähr. Auch diese Geschichte voller Pleiten, Pech und Pannen spielt Anfang bis Mitte der 70er und wieder haben die Manager, Produzenten und andere Dritte eine wesentliche, tragende Rolle. Natürlich sind auch einige andere Faktoren relevant. Sie standen an der Schwelle große Stars der Rock-Szene zu werden, leider hat es auch hier nicht geklappt. Die künstlerische Qualität war überragend. Was wäre, wenn The Alan Parsons Project früher Live aufgetreten wäre, mit den Piloten im Cockpit. Wieder so eine tragische Geschichte wie sie das Leben schreibt. Leider hat sich das bis heute nicht geändert. Bilder: Cover, Text: Roland Koch
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