Der Bewaffnete Mann: Eine Messe für den Frieden (DE_UK) – Gebetsstätten gibt es seit es Menschen in Kollektiven gibt. Und diese Plätze, egal wo auf diesem Planeten, sind etwas ganz Besonderes, weil oft viele Generationen von Menschen sich dort versammelt und dabei oft mentale und bleibende Spuren hinterlassen haben.
Natürlich gab und gibt es auch Veranstaltungen die unseres Erachtens auch woanders hätten stattfinden können. Beispielsweise Taufen, Krönungen, Beerdigungen von „vermeintlich“ wichtigen Protagonisten der Geschichte. Wir finden immer wieder solche magischen Versammlungsorte und werden nicht müde stets weiter davon zu berichten. Drei Beispiele, zum einen das Zeitschiff von John Cage in Halberstadt nähe Nord-Harz, zum anderen die frühgotische Dorf-Kirche Sankt Georg am Leineufer in Jeinsen sowie die wieder in das Leben gebrachte Feldsteinkirche in Dolgelin. In den erwähnten drei Beiträgen (folgt den drei Links) könnt ihr die Geschichten detailliert nachlesen. Alles magische Versammlungsorte, die Menschen auch noch 2026 zusammenbringt und wo bis heute immer noch viele mentale und bleibende Spuren hinterlassen werden. Nun stellen wir eine weitere Gebets- und Versammlungsstätte vor. Allein dieses wunderbare Bauwerk, innen wie außen, ist schlicht aber auch sehr imposant. Wenn dann auch noch so eine Signal-Veranstaltung für den Frieden darin stattfindet, ist es ein Privileg daran teilzunehmen zu dürfen. Bilder oben L_R: Noten & Chor, Friederike Beykirch, Johannes Krahl
In München waren zum gleichen Zeitpunkt die „vermeintlich“ wichtigen Politiker dieser Welt zusammengekommen um wieder einmal über das Schicksal der gesamten Menschheit und den Frieden auf diesem blauen Ball im Weltall zu entscheiden. Dabei war auch ein Vertreter eines Staatspräsidenten, der meint einen Nobelpreis für Frieden mehr als verdient zu haben. Das möchten wir erst einmal alles so stehen lassen. Aber in der weiteren Berichterstattung zu diesem Beitrag werden wir das Thema noch einmal aufnehmen. Im imposanten „Dom“ der Hansestadt Dortmund, der evangelischen Stadtkirche Sankt Reinoldi mitten im Stadtzentrum, gab es am Faschingssamstag und auch Valentinstag ebenfalls ein Treffen. Hier diesmal tatsächlich direkt für den Frieden.
Ein Ost-West-Deutsches Chorprojekt der evangelischen Kirchengemeinde Dortmund-Wellinghofen in Kooperation mit dem renommierten Domchor Naumburg und der Kantorei Zeitz haben The Armed Man – A Mass For Peace von Karl Jenkins (geboren 17-02-1944 Swansea in Wales, prägender Musiker von Soft Machine) aufgeführt. Am Ende des Konzertberichts ein kurzes Portrait von Karl William Pamp Jenkins. Und es war ein deutliches Zeichen und ein erhabenes Erlebnis weit über 100 Musiker in Aktion und Interaktion so Schulter an Schulter erleben zu dürfen. Eine wahre Messe für den Frieden und Botschaft an die Menschen !! Wir wünschen das die „vermeintlich“ wichtigen Politiker dieser Welt die Signale und Friedens-Botschaft aus Westfalen vernommen haben.
Und diese lautstarke viel-kehlige Mahnung mit Orchester-Unterstützung hatte es tatsächlich in sich. Die Stadtkirche Sankt Reinoldi war eingekesselt von einer partybunten, gut besuchten Karnevals-Kirmes. Aber wenn man erst einmal im Foyer das 24-seitige Programm (siehe am Ende des Berichts, das Programm kann auch als Datei gedruckt und/oder runtergeladen werden) entgegengenommen und das imposante Kirchenschiff betreten hatte, war die sakrale Ruhe eine wahre Wohltat. Der Altarbereich mit einer mehrstufigen Bühne war gut beleuchtet, überall auf spindeldünnen Stativen massenhaft Mikrofone, die Techniker saßen mit ihren Mischpulten im separaten „Beichtstuhl“ und warteten auf den Startschuss.
Der vielfach ausgezeichnete Nachwuchsorganist Johannes Krahl, der das ganze Jahr über die großen Kirchen besucht und bespielt, bewachte sein mobiles Orgel-Bedienpult in der Nähe der dreiköpfigen Trommel- und Perkussion-Mannschaft rechts vom Altar. Zentral davor die Instrumente und Sitzplätze der Streichergruppe, dahinter die Bläser. Die Besucher, gruppiert in drei Kategorien, nehmen schrittweise im fast ausverkauften Kirchensaal ihre Plätze ein. Ebenso die Musiker, der Organist und der Dirigent Kirchen-Musik-Direktor Ingomar Kury. Dann betreten die Mitglieder der drei Chöre; Domchor Naumburg, Kantorei Zeitz, Kantorei Dortmund-Wellinghofen; in einer langen Menschenkette und unter dem anhaltenden Applaus der Besucher die Spielstätte, gruppieren sich auf der gestuften Bühne. Im Altarbereich ist dadurch eine beeindruckende Wand aus Menschen entstanden.
Dann haben alle im Dortmunder Dom; auf, am und vor dem Altar; ihre Plätze eingenommen und es geht dann mucksmäuschenstill in das Programm. Das Konzert wird eröffnet mit der Vertonung des 55. Psalms. Worte aus einem uralten Gebet, übersetzt vom großen jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn und in Töne gefasst von seinem Enkel Felix Mendelssohn-Bartholdy. Schon jetzt spürt man, dass es ein besonderer Moment für alle Anwesenden ist. Und dann geht es in die Messe für den Frieden. Jenkins verwendet für dieses großartige Chor- und Orchester-Werk nicht nur liturgische Texte, sondern auch andere religiöse Elemente, ein Gebetsruf eines Muezzins vorgetragen von Rijad Hodiid, auch Zitate aus dem Mahabharata (Kerntexte hinduistischer Überlieferungen). Die Biblischen Texte entstammen den Psalmen und der Offenbarung des Johannes. Weitere Details kann man im Programm-Heft nachlesen.
Auch der japanische Autor Toge Sankichi ist mit seinem Text Angry Flames – Zorninge Flammen (Titel 8) berücksichtigt. Er erlebte 1945 den Abwurf der ersten Kernwaffe Little Boy über Hiroshima. Hibakusha-san Toge starb 12 Jahre später im Alter von nur 36 Jahren an den Spätfolgen der radioaktiven Strahlung (einer von insgesamt über 200.000 Opfern bis heute). Roland war mehrmals in Japan, hatte es leider nie bis runter nach Hiroshima geschafft, aber den Schmerz einiger Japaner immer wieder gespürt. In dem Musikstück schildert der Solo-Sopran Friederike Beykirch, hier die Stimme eines Zeugen und Opfers, in stockend rezitativischer Art die grauenhafte Szenerie der atomaren Katastrophe. Den Text sollte man sich auf Seite 15 des beigefügten Programm-Heftes einmal durchlesen.
Karl Jenkins hat ein Kaleidoskop von Text- und Musik-Versatzstücken zu einem großen Ganzen, einer wahren Messe für den Frieden, zusammengeschnürt. Damit macht er nicht nur einen Spagat, sondern mehrere. Er verbindet damit Musik und Texte aus vielen Epochen und verschiedenen Teilen der Welt, verbindet damit auch die E-Musik mit der U-Musik. Hoffentlich wird dieses Werk noch oft aufgeführt, hoffentlich beschäftigen sich zukünftig immer mehr Menschen mit diesem Thema, hoffentlich ist dieses Bündel an Botschaften nicht nutzlos.
Die vielen schönen und ausdrucksstarken Elemente dieser in der Reinoldi-Kirche aufgeführten Friedens-Messe alle aufzuzählen, sprengt den Rahmen dieses Beitrags. Es wäre auch nicht allen Beteiligten gerecht, nur ein paar Elemente zu beschreiben, denn jeder einzelne beteiligte Musiker hat mit zu der Magie dieser Aufführung beitragen. Harte, laute und lärmende musikalische Elemente erinnern an die Grausamkeiten von Kriegs-Schauplätzen. Aber es gibt auch viele ruhigere, meditative Passagen die auf Ruhe und Frieden hinweisen. Als wir zufällig den allein stehenden Trompeter hinten im Kirchenschiff beim Solo beiseite standen, spielte der junge Organist Johannes Krahl einen sehr tiefen, für viele Anwesenden nicht hörbaren Ton (Sub-Tiefton). Man hat ihn fast nicht gehört, aber wir spürten ihn extrem.
Als wir Johannes von unserem Erlebnis erzählten, lächelte er und sagte: „so etwas geht nur mit so imposanten Orgeln.“ Ob Dirigent, Chor, Trommel- und Perkussion-Mannschaft, Streichergruppe, Bläser-Sektion, Organist, hier wurde an allen Stellen etwas Großartiges geschaffen und miteinander verknüpft. Am Schluss beglückwünschten sich die Musiker untereinander, die Freude für eine gemeinsame gute Leistung sieht man in ihren Gesichtern. Alle Künstler bekamen zum Dank (meist weiße) Blumen. Wir empfehlen jedem Leser, schaut in das schöne Programm-Heft, lest es durch, es dauert nur circa 15 Minuten und die werden euch beeindrucken.
„Keine Religion ist terroristisch. Die Gewalt ist eine Schändung des Namens Gottes. Werden wir nie müde zu wiederholen, dass der Name Gottes die Gewalt nie rechtfertigen kann. Allein der Friede ist heilig. Nur der Friede ist heilig, nicht der Krieg!” Papst Franziskus I zum Weltfriedenstag 2016 (Rückseite Programm-Heft).
Der Kirchen-Musik-Direktor (KMD) Ingomar Kury ist 1959 in Freiburg (Breisgau) geboren, erhielt die ersten kirchenmusikalischen Impulse durch die Freiburger Kirchenmusiker Martin Gotthard Schneider und Horst Hempel. Sein Kirchen-Musik-Studium an der Hochschule für Kirchenmusik in Heidelberg schloss er 1986 mit A-Examen ab. Seit 1989 arbeitet er nun als Kirchenmusiker in Dortmund, leitete in der Evangelischen Kirchengemeinde Wellinghofen mehrere Chöre, Streicher-Kreis und Grundschul-Musical-AG. Berufsbegleitend betrieb er von 1994 bis 2008 vertiefende Studien zur Orgel bei Prof. Ewald Kooiman (Amsterdam). Mit Matthias Nagel Herausgeber vom Orgel-Begleitbuch Neue Töne (Neue geistliche Lieder) und 2015 erneut mit Matthias Mitarbeit an der CD For Today: Neue Orgelmusik aus Westfalen (Groovige Orgelmusik). Weiterhin: Vorsitzender des Landesverbandes der Kirchen-Musiker:innen in der EKvW (seit 1996), Vizepräsident des Zentralverbandes der Kirchen-Musiker:innen in Deutschland (seit 2006), Mitglied Präsidium & Mitglied Herausgeber-Team Forum Kirchenmusik, Lehrbeauftragter Hochschule für Kirchenmusik Herford-Witten (Pop-Akademie, seit 2016). Text: Ingomar Kury
Johannes Krahl zählt zweifelslos zu den mehrfach preisgekrönten, führenden klassischen Organisten der heutigen Generation. In sächsischen Bautzen geboren, liegt sein musikalischer Schwerpunkt gegenwärtig in Leipzig. Sein Repertoire umfasst nicht nur die bedeutenden Standardwerke der Orgelliteratur. Er ist profilierter Interpret von Werken der Alten Musik und zeigt zudem ein differenziertes Verständnis für zeitgenössische Stücke. Johannes Krahl ist Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes. Wichtige musikalische Einflüsse erhält der international konzertierende Organist von seinen Professoren Martin Schmeding und Matthias Foremny. Zahlreiche Konzerte führten Johannes Krahl zu den wichtigen Musikfestivals sowie zu vielen international bedeutenden Instrumenten. Seit dem Studienjahr 2024/25 unterrichtet Johannes Krahl als Dozent am Institut für Kirchenmusik und Musikwissenschaft der Universität Greifswald. Darüber hinaus studiert er Orgel und Orchester-Dirigieren an der Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy Leipzig. Text: Johannes Krahl
Die im thüringischen Gera geborene Sopranistin Friederike Beykirch begann schon früh mit ihrer musikalischen Ausbildung (Cello, Gesang), nahm erfolgreich an zahlreichen Wettbewerben teil und absolvierte ihr Abitur am renommierten Musik-Gymnasium Schloss Belvedere Weimar. Anschließend studierte sie Gesang an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden mit Master-Abschluss 2019 bei Prof. Christiane Junghanns. Dort erhielt sie weitere Impulse in den Bereichen Lied (Prof. Olaf Bär), Oratorium (Britta Schwarz) und Alte Musik (Ludger Rémy). Friederike hat sich in den vergangenen Jahren insbesondere im Bereich Konzert- und Lied einen guten Namen gemacht. Durch ihre besondere Liebe zur Kirchenmusik ist sie hierbei überwiegend als Oratoriensängerin zu erleben und trifft dabei auf Orchester und Ensembles wie die Staatskapelle Weimar, das Mitteldeutsche Kammerorchester, die Batzdorfer Hofkapelle und die Jenaer Philharmonie. Einladungen zu namhaften Festivals wie den Dresdner Musikfestspielen, den Thüringer Bachwochen, dem Bachfest Eisenach und Westfalen Classics folgt sie regelmäßig. Ihre aktuelle Saison startete bereits mit einigen Highlights, Opernproduktion mit Cantus Thuringia, Konzerte beim Eisenacher Bachfest, Mozarts Requiem in Weimar und Brahms' Requiem in Hannover. Auch Karl Jenkins Mass For Peace war für sie eine echte Entdeckung. Text: Friederike Beykirch
1994 gründete Sir (CBE) Karl Jenkins, ein walisischer Multiinstrumentalist und Komponist zeitgenössischer Musik, das Projekt Adiemus – eine Reihe von New-Age-Orchester-Alben mit Gesang wurden veröffentlich und auch Konzerte gegeben. Hier müssen aber seine drei wichtigsten Helfer genannt werden, Soft-Machine-Kollege Mike Ratledge und die Vokal-Feen Miriam Stockley und Mary Carewe. Das Eröffnungslied des Debüts Songs Of Sanctuary, das Oktober 1995 von Virgin veröffentlicht wurde, basierte auf eine Werbe-Melodie die Jenkins für Delta Air Lines (US) komponierte. Bemerkenswert ist dabei, dass der Gesang in einer fiktiven, lyrischen Sprache gehalten wurde, die entfernt an Latein und Mittelalter erinnerte. Sie wurde von Jenkins rein phonetisch konstruiert, ähnlich der Kobaïan-Sprache, die der französische Schlagzeuger und Musiker Christian Vander für seine Band Magma erfand. Direkt 1996 folgte Adiemus II – Cantata Mundi, ein ebenso erfolgreiches Album.
Dann komponierte Jenkins 1999 The Armed Man: A Mass For Peace (2025: 25-Jubiläums-Album), eine neoklassische Messe für Orchester und gemischten Chor, die von den Royal Armouries (Nationales Britisches Museum für Waffen und Rüstungen) in Auftrag gegeben und in der Royal Albert Hall am 25. April 2000 uraufgeführt wurde. Die Messe soll auf eindrückliche Weise alle dazu ermahnen, die Kriegsbedrohung ernst zu nehmen und ist den Opfern des Kosovo-Konflikts gewidmet. Seitdem zählt Eine Messe für Frieden zu Karl Jenkins bekanntesten Werken mit über 400 Aufführungen und mehreren von der Kritik gefeierten Einspielungen.
Im Mai 2023 gab Jenkins Tros Y Garreg (auf Deutsch: Überquerung des Steins) in Auftrag, eines von zwölf neuen Werken für die Krönung von Charles III., und besuchte die Uraufführung bei der Zeremonie in Westminster Abbey. Die Karriere von Jenkins war auch vor Adiemus sehr erfolgreich, seine wichtigsten Stationen: verschiedene Ensembles von Graham Collier, Gründer von Nucleus, Soft Machine, viele Soundtracks für namhafte Kunden. Karl feiert heute am 17. Februar 2026 seinen 82. Geburtstag, ist immer noch aktiv und kreativ wie seit seinem ersten Tag im Musikzirkus. Bilder_Texte_Bearbeitung: Christa & Roland Koch
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