Tragik Rock: Popol Vuh – Florian Fricke 1 (DE_BW)

Veröffentlicht am 18. Oktober 2026 um 22:40

Alle sprechen über Berlin, Düsseldorf, Köln – und was ist mit München – In der klassischen, frühen Phase der deutschen Rockmusik, umgangssprachlich auch Kraut-Rock genannt, gab es eine kleine aber feine Schar von besonders skurrilen Formationen, dazu gehörten beispielsweise Amon Düül, Dissidenten, Embryo, Faust, Ihre Kinder, Out Of Focus

und einige noch unbekanntere mehr, aber auch Popol Vuh. Der Name hat Wurzeln im Maya-Kult, erinnert namentlich an die Schöpfungsgeschichte der Menschheit. Warum skurril, weil sie nur minimal in das damals gängige Schema von klassischen Rockgruppen passten und dass in vielerlei Hinsicht. Keine Massenprodukte, deshalb leider von vielen Liebhabern guter Musik recht unbeachtet. Nichtdestotrotz gibt es bis heute einen harten Kern von Fans, die genau diese Musikperlen schätzen und behüten. Jede einzelne Formation ist ein Legenden-Beitrag wert, ich konzentriere mich zuerst einmal auf die Blau-Weißen-Bands (und Protagonisten) aus der Münchener Szene: Amon Düül, Amon Düül II und eben Popol Vuh. Bild_R: Chris Karrer,  Two Days Prog + 1, 2018.

Amon Düül – Diese berühmte Musik-Kommune fand sich 1967 zusammen. Der Gründer-Kern waren Chris Karrer (02-01-2024 verstorben), Ulrich & Peter Leopold (08-11-2006 verstorben) und Rainer Bauer. Sie lebten in einer losen Gruppe aus Erwachsenen und einigen Kindern, machten alles gemeinsam, musizierten auch zusammen. Grundsätzlich eine gute Idee, die sicher auch positive Aspekte und Einfluss auf das menschliche Zusammenleben hat. Will man aber vor Publikum und sogar gegen Bezahlung auftreten, sollte man aber zumindest das Instrumentarium und kollektives Zusammenspiel über das rudimentäre hinaus beherrschen. Aber Non-Perfekt, Ursprünglich, Rustikal war auch Mission. Schon während der Aufnahmen zum ersten selbstbetitelten Album (auch Psychedelic Underground) bricht 1969 der musikalische Teil der Kommune auseinander. Beim im selben Jahr veröffentlichten Para Dieswärts ist bereits eine andere Truppe am Werkeln. Über die musikalische Reste-Rampe und einige berühmte Protagonisten wird seit über 50 Jahren in der Presse, Radio, TV endlos berichtet, ist aber tatsächlich nicht weiter der Rede wert.

Amon Düül II – Der Abtrünnige Internatsschüler und Jazzer Chris Karrer aus Kempten gründete mit einigen guten Freunden; Renate Knaup, John Weinzierl, Falk-Ulrich Rogner, Dieter Serfas, Christian Thiele (später Sameti); dann eine richtige Musikgruppe als Kunst- und Kommunikationskreis. Auch in diesem Kollektiv gibt es ein munteres kommen und gehen, später sind auch noch Daniel Fichelscher, Peter Leopold, Lothar Meid, Rolf Zacher und viele andere kürzer oder länger Mitspieler der Band. Schon mit der Liberty-Trilogie Phallus Dei (1969), Yeti (1970), Tanz Der Lemminge (1971), entsteht deren Fundament, bis heute berechtigt wesentlich beachteter und positiver bewertet als alles von der ursprünglichen Mark-I-Truppe. Die vielen weiteren, auch sehr interessante Geschichten, werden wir aber ein anderes Mal weitererzählen. Unglaublich was damals so los war in der Münchener Underground-Szene. Und damit sind wir nun bei den Verbindungen zu Popol Vuh, eben diese lokalen Münchener Künstlerschar und das Label Liberty. Dass die Düüls II richtig was konnten, davon konnten wir uns mehrmals überzeugen. Bilder L_R: John Weinzierl, Renate Knaup, Daniel Fichelscher, Two Days Prog + 1, 2018.

Florian Fricke – Nachdem auch in München und Berlin die Hippies immer musikalischer und aufständischer wurden, entstand 1969 um den 1944 in Lindau am Bodensee geborenen Florian Fricke (23. Februar) im bayrischen Süden eine experimentelle Gruppierung. Florian spielte in der Kindheit schon früh Klavier, das ist für talentierte, motivierte Kinder erst mal nichts Ungewöhnliches. Dagegen das studieren von Klavier, Komposition und Dirigieren an den Musik-Hochschulen Freiburg und München schon eher. Zeitweise lebte er auch in Miesbach. Bereits 18-jährig drehte er schon Kurzfilme, schrieb als Film- und Musik-Kritiker für den Spiegel, Süddeutsche und Neue Züricher. Es war somit kein echter Zufall das er 1967 den 24-jährigen Regisseur Werner Herzog traf, in dessen Spielfilm-Debüt Lebenszeichen er eine Schauspiel-Rolle spielte. Später komponierte Fricke auch die großartige Musik für verschiedene, ausgezeichnete Filme mit bekannten Darstellern (unter anderem: Isabelle Adjani, Bruno Ganz, Klaus Kinski) von Werner Herzog, unter anderem für Aguirre: Der Zorn Gottes, Herz Aus Glas, Fitzcarraldo, Nosferatu: Phantom Der Nacht. Auch die Begegnung mit Eberhard Schoener (siehe Genre: Instrumental Musik – New Age, Chill-Out) war 1968 unvermeidbar, denn Schoener richtete an den Münchener Bavaria Studios ein Labor für elektronische Musik ein und experimentierte als einer der ersten deutschen Musiker mit dem Moog-Synthesizer.

Formierung – Gemeinsam mit Holger Truelzsch (Perkussion) und Frank Fiedler (Synthesizer) gründete Florian Fricke das Band-Projekt Popol Vuh (Schöpfungsgeschichte aus dem heiligen Buch der Mayas, Quiche Indianer). Signifikant waren vom Beginn, eine durchgängig Nicht-Kategorisierung und die exzessive Verwendung des damals ultrateuren, modularen, großen Ur-Synthesizer Moog III (der damalige Kaufpreis lag je nach Ausstattung weit über 50.000 DM). Er machte einen gewagten Schritt, ließ alle musikalischen Konventionen hinter sich und betrat neue Territorien. Florian Fricke: „Die Musik, die man mit einem Moog machen kann, umfasst schlechthin die Empfindungsmöglichkeiten des Menschen.“ Der ausgebildete Konzert-Pianist Florian Fricke hatte sich damals schon früh von typisch Klassik und Jazz abgewandt, weil Florian sich von den Konventionen und Regeln dieser Genres stark eingeengt fühlte. Er hatte bei diesem komplexen und mächtigen Instrument schon innerhalb von sechs Monaten die wichtigsten Hürden genommen und schöpfte das Potential dieser Klang-Maschinerie weidlich aus. Andere Bediener die dieses Gerät später benutzten (wie Klaus Schulze) sind jedoch, trotz viel weniger Virtuosität, wesentlich berühmter geworden.

In der Folge verschmolz Florian immer intensiver mit diesem modernen damals untypischen Instrument, baute die synthetischen Klangstrukturen geschickt in seine Kompositionen ein. Das haben auch andere Künstler Anfang der 70er gemacht oder versucht, aber keiner hat es so human und komplex geschafft wie Florian Fricke. Durchaus passend bettete die Band oftmals religiöse oder mystische Motive damit synergetisch in ihren besonderen Kompositionen ein, da waren die künstlich eingefügten Klangmuster überhaupt kein Widerspruch. Aber es gibt auch noch einige andere Künstler die den Spagat zwischen natürlichen und synthetischen Klängen auch ähnlich gut geschafft haben. An dieser Stelle möchte ich schon mal die Klang-Visionäre Swami Chaitanya Hari Georg Deuter (siehe Genre: Instrumental Musik – New Age, Chill-Out) und Eberhard Schoener (damals ebenso Besitzer eines Moog) nennen. Beide sind auch Protagonisten der süddeutschen Szene. Durch Eberhard, damals Leiter der Münchener Kammeroper, kam Florian sogar in Kontakt mit diesen modernen elektronischen Tasten-Instrumenten und dessen Einsatz in populärer Musik. Das sind auch zwei erzählenswerte Geschichten, aber weitere Themen für später einmal. Popol Vuh wollte sich nicht in eine Genre-Schublade stecken lassen, selbst bezeichneten sie den eigenen Stil als lyrische Rock-Musik, Picture-Music oder kosmischer Space-Rock. Die Trio-Phase des Projekts ist nach zwei Alben bereits 1971 wieder Geschichte.

Frühe Werke – Mit ihrem Erstlingswerk Affenstunde (Heim-Studio-Aufnahme 1970, Liberty) bereits eine Expedition in mysteriöse, meditative Klanglandschaften sowie teutonischen Tiefsinn. Willkommen in der Welt von Popol Vuh, eine Formation die einst eine Schar von Jünger in Ekstase versetzte. Sanfter und meditativer als Weggefährten wie beispielsweise Tangerine Dream und die Düsseldorfer Elektroniker, blieb Popol Vuh eher konsequent unkommerzieller. In den Siebzigern war es in Deutschland noch möglich, regelmäßig schräge Platten rauszubringen ohne sich in erster Linie um Verkaufszahlen zu scheren. Obwohl gerne zu der selbstironischen Gattung Krautrock gezählt, passte Popol Vuh in keine Stil-Schublade, waren 30 Jahre eine Eigenmarke. Daran anknüpfend auch das nachfolgende Album In den Gärten Pharaos (1971, Pilz), dass noch eine Spur besser komponiert, produziert und Instrumentiert war. Beide Meilensteine der frühen Elektronik-Musik bilden die erste und wichtige Phase auf dem steinigen Weg des Florian Fricke. Danach klingt bereits seine Begeisterung für den damals magischen Synthesizer ab, Fricke verkauft den Moog an Elektronik-Papst Klaus Schulze, der das Gerät dann bis 2005 einsetzte. Zehn Jahre später erschien Affenstunde dann noch einmal als Vinyl bei Innovative Communication (IC/Digit), dem legendären Label von Klangmeister Wahnfried Schulze. Und noch einmal zwanzig Jahre später eine weitere Veröffentlichung als Affenstunde – Die Nacht Der Seele: Tantric Songs mit dem elektronischen Debüt und dazu noch als Gegenpol das 11-teilige esoterischen Material vom 1979-Album, veröffentlicht beim italienischen Label High Tide.

Popol Vuh - Florian Fricke Teil 2 ist in Arbeit, kommt in Kürze !!

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