Exzellente Kulturarbeit im östlichen Oderland – Bei so einer schönen Veranstaltung möchten wir uns gerne Wiederholen, werden das auch im Laufe des Berichts. Aber wir verweisen hier schon einmal auf die Glanzlichter 28. Open Air Gross Lindow, mit viel Informationen und Bildern (auch von Axel Pfeffer).
Wir hatten gerade fünf traumhafte aber anstrengende Tage im Thüringer Wald beim Woodstock Forever 2026 hinter uns. Dort gab es, wie gewohnt, auch schon sehr viel Blues; diesmal auch mit Basement Saints (CH), Siena Root (SW), The Double Vision (DE), und Wucan (DE); alle sind ja auch schon bei den Veranstaltungen vom gemeinnützigen Verein Live In Reitwein e.V. aufgetreten. Aber nicht nur das sind Gemeinsamkeiten, sondern auch viele andere Dinge.
Gleich beim Betreten des umzäunten Geländes wurden wir schon von lebhaften Honky Tonk Blues begrüßt. Auf der großen, höher gelegenen Terrasse des Mehrzweck-Gebäude des Sportverein Blau-Weiß Groß Lindow 1909 e. V. (Name seit 07-1990) waren schon das Berliner Steamroller Blues Duo, bestehend aus Wolle Schröter und Dietschek, in ihrer kleinen intimen Nische bei der musikalischen Arbeit. Sie sind bereits zum fünften Mal dabei, diesmal auch wieder mit einem Gast. Die zwei erfahrenen Musiker spielen Gitarren, Mandoline, Blues-Fiedel, Banjo, Bouzouki, Harmonika und allerlei mehr und sie klingen wie eine komplette Big-Band. Immer wenn am Hauptschauplatz, der Bühne direkt gegenüber, Umbaupausen sind, legen die drei Blues-Recken los wie unter Strom gesetzt. Sie sorgten über das komplette Festival für pausenlosen fetzigen Blues und gute Laune bei den Besuchern.
Wer solche Bands wie moe., Allman & Betts, Familie Trucks, Gov’t Mule, Cactus oder aktuell Atomic Rooster MK II, Magic Mushrooms, Basement Saints oder Leif de Leeuw Band einmal Live erlebt hat, der weiß was für ein Druck solche Formationen aufbauen können. Wir wissen wovon wir reden, wir haben alle, einige auch mehrfach, erlebt. Nun noch die Southern-Jam-Rocker Good Clean Fun aus Berlin, sie haben nichts mit der gleichnamigen US-Band zu tun, formiert vom Ex-Groß Lindower Schlagzeuger Bastian Bohm. Er und seine 13 Musiker begeisterten bereits im November 2002 bei Live In Reitwein # 49 mit ihrem damals einmaligen Projekt Tin Pan Alley Celebrates The Last Waltz von The Band. Nun präsentiert Bastian mit einer neuen Formation von Berliner Musikern ein Allman Brothers Band-Tribute. Das Sextett spielte sich sehr versiert durch viele Klassiker wie Statesboro Blues, Ramblin Man, Midnight Rider, Jessica, Whipping Post, In Memory Of Elizabeth Reed. Aber auch Don't Want You No More, It's Not My Cross To Bear, Dreams vom Debüt (1969), das Namengebende Good Clean Fun (1990: Seven Turns) oder Soulshine (1994: Where It All Begins) wurden dazwischen eingestreut. Und die sechs Musiker machten einen richtig guten Eindruck, ein schöner Einstieg in das 28. Open Air Gross Lindow.
Der Umbau war schnell und präzise erledigt, dabei wurden die Techniker nonstop vom Pausen-Blues des Steamroller Blues Trio begleitet. Die französische Sängerin, Gitarristin und Songwriterin Élise Lounici stand als nächstes auf dem Lauf-Zettel, seit 2025 offiziell Elise Frank. Wieder so eine selbstbewusste europäische Künstlerin die ihre Karriere komplett selbst in die Hand genommen hat. 2019: Frontfrau von Spooky Poppies (EP Spooky Poppies), 2022: Gründung des eigenen Power-Trio und Tour durch Irland, 2023: Debüt I’m A Phony And A Fraud in Eigenregie, 2024: Auftritte europaweit, auch beim Rory Gallagher Festival in Ballyshannon, 2025: I Didn’t Pay For It bei Ruf Records. Elise will dieses zweite Album nun im Rahmen der Blues Caravan 2026-Tour europaweit live präsentieren, wobei ein Schwerpunkt ihrer Auftritte in Deutschland liegen soll.
Sie kommt aus Magdeburg (Mach-Werk-Club), ist nun tatsächlich in einem klapprigen Fiat-Bus mit ihren zwei Helfern nach Gross Lindow angereist und steht hier mit ihrer Gitarre auf der Bühne. Elise: „Ich entschied mich bewusst gegen die Produktion hochglanzpolierter visueller Inhalte und setze stattdessen auf die Unmittelbarkeit von Live-Auftritten und Improvisation. Keine glatte Ästhetik moderner Produktionen, stattdessen ein authentischer, ungefilterter musikalischer Ansatz.“ Gelebte Authentizität wurde und ist ihr künstlerisches Leitmotiv. Und genau das erleben wir hier auf der Bühne, sogar noch etwas intensiver, denn kurz zuvor ist der Tour-Gitarrist ausgestiegen. So werden die Aufgaben im Trio Elise, Josselin Fleury (Bass), Sébastien Gaschard (Schlagzeug) neu verteilt, das Konzert noch dichter, intensiver und atmosphärischer. Die Menge vor der Bühne ist erheblich größer geworden und es ist begeistert von diesem modernen bluesigen Rock. Diese Künstlerin wird ihren Weg gehen, mit oder ohne weiteren Gitarristen. Von uns, Daumen nach oben, auch wenn laut Veranstalter das Quartett noch druckvoller gewesen wäre.
„Blues ist das Vehikel, aber die lebenslange Liebe zur Rockmusik liefert den Treibstoff. Echte Musik von echten Menschen, Live gespielt und Live aufgenommen.“ Das ist das simple Credo von den vierfach Energie-Erzeugern Delta Generators, gegründet 2007 im Großraum Boston, Massachusetts, US-Ostküste. Wir hatten uns schon im Zuge des Blues Festival Schöppingen 2025 mit dieser interessanten Band beschäftigt (Portrait in Arbeit), haben aber damals leider aus terminlichen Gründen dieses Blues-Quartett verpasst. Nicht so unsere Blues-Trüffel-Spürnase Wolfgang Conrad, der diese sagenhafte US-Band danach für das Open Air Gross Lindow 2026 eingeladen hatte. Somit auch für uns diesmal die Chance diese vier Akteure, Brian Templeton (Gesang, Harmonika, A-Gitarre), die Brüder Charlie (Gitarre) und Rick O’Neal (Bass), Schlagzeuger Jeff Armstrong, einmal wahrhaftig zu erleben. Es war wie bei unseren US-Reisen, vier Cowboys reisen an, treffen auf ein lokales Bürger-Fest mit Bühne und Technik und dann geht die Party so richtig los. Das haben wir so mehrfach bei unseren Exkursionen durch Nordamerika erlebt. Je ein kräftiger Schluck Memphis Soul, Louisiana Funk und klassischer Rock, das sind die maßgeblichen Zutaten in diesem „American Pie“.
Die Karriere von den Delta Generators hat einen sogenannten Schnittpunkt, der von den beiden Frontleuten markiert wird. Massig Auszeichnungen und Konzerte sowie fünf gute Alben bis 2016 mit Craig Rawding. Mit Nachfolger Brian Templeton nun weitere 10 Jahre hochenergetischen Blues und Americana und die Alben The Lost Years (2023), On & On (2025). Die Konstante sind die Brüder Charlie (Buchungen) und Rick (Administration) die bis heute den Laden zusammenhalten und steuern. Und wie beispielsweise Michael van Merwyk, Richie Arndt und viele andere deutschen Blueser, geben sie auch Wohnzimmer-Konzerte. Mehr Authentizität geht nicht. Nur noch ein Wort zu den zwei Zitaten, das sind keine dahingesagten Sätze, sondern das ist in der DNA dieser vier außerordentlichen Musiker manifestiert. Ein Konzert an das sich viele noch nach Jahren erinnern werden und mit strahlenden Blick darüber reden. „Eine tiefgehende Verbindung zu den Menschen – unseren Fans – herzustellen, ist der Grund, warum wir tun, was wir tun. Es gibt eigentlich keinen anderen Grund.“ Und das haben ALLE gespürt !!
Sprachen wir noch bei Elise Frank vom Rory Gallagher Festival in Ballyshannon im Westen, kommen wir jetzt zur Hauptstadt Dublin im Osten und Muireann McDermott Long (Gesang) und Dave O’Grady (Gitarre, Gesang), dem kreativen Kern von dem 2011 gegründeten bluesigen Cross-Over-Folkern Seafoam Green. Beide sind wie viele andere irische Musiker auch auf den heimischen Straßen und den Clubs groß geworden. In Irland gehört Live-Musik zum wichtigen Grundnahrungsmittel des Volkes und des täglichen Lebens. So ist es auch nicht unüblich das beim Musizieren andere Künstler mit dazu kommen. Nach Live In Reitwein # 127 (05-2025, Feldsteinkirche Dolgelin) reist das Duo also nach Groß Lindow eigens noch einmal im Quartett an, zusätzlich mit Bass-Mann und Schlagzeug-Dame (die war schon in Dolgelin dabei).
Für ihre Musik-Konserven hatten sie immer gute Kontakte in die Szene, so produzierte Richard Robinson (Black Crowes) das Debüt Topanga Mansion (2016), weiterhin Ron’s Sohn Jesse Wood Pack The Weight (2025, Gast bei Hiss: Ronnie Wood) und Honey (2026). Viele illustre Gäste sind immer wieder dabei, auch bekannte Namen: Adrian Gautrey (Atomic Rooster), Derek Trucks (Allman Brother Band) und viele mehr. Auch beim Duo Seafoam Green wird Authentizität großgeschrieben, ihre Musik ist schwer zu beschreiben, Blues-, und Folk-Rock sind der Tortenboden, viele andere Zutaten machen es zu einer gehaltvollen überraschenden Leckerei. Ein durchgängiger roter Faden und signifikantes Merkmal ist der harmonische Satzgesang von Murieann und Dave, der wird hier beim Auftritt ausgiebig geboten. Die Band wirkt gut eingespielt, in den vier Gesichtern sehe ich Freude und Leidenschaft, das sind wichtige Faktoren beim gemeinsamen Musizieren. Ihre „beseelte Musik“ ist mitreißend, lebendig und immer mit einer ordentlichen Prise Dubliner Lokal-Kolorit. Den Gästen und uns haben die Gäste aus Irland hier beim 28. Open Air Gross Lindow sehr gut gefallen.
Ein wechselvolles Tages-Programm nimmt seinen Lauf, nach Klassik-Blues,- und Südstaaten-Rock aus Berlin im Doppel-Pack, authentisches französisches Blues-Trio, Rock’in Americana aus Boston und Blues-Folk-Rock aus Dublin, nun zum Abschluss britischer Hoch-Energie Rock vom Trio Miguel Montalban (CHL/UK) & The Southern Vultures (IT & RO). Wer auf Formationen im Stil von Cream, Gun, Hendrix, Mountain, Taste und ähnlich steht, der ist hier genau richtig. Montalban schloss sein Musikstudium für Jazz am Konservatorium in Rom 2012 erfolgreich ab und gründete, nach einigen Jahren als Straßenmusikant (mit einigen CD-Veröffentlichungen), 2019 die Band The Southern Vultures in seiner Wahlheimat London.
Nach sechs CD-Veröffentlichungen in den letzten 10 Jahren, liegt nun sein neuestes Album Golden Classics (2025) vor. Darauf verarbeitet er auch wieder, wie auf allen seinen vorherigen Alben, einige Rockmusik-Klassiker von den bereits genannten und auch den Beatles über Gary Moore bis hin zu Santana. Er hat praktisch im Alleingang dieses aktuelle Album aufgenommen, bei einigen Titeln erhielt Miguel Montalban etwas Unterstützung beim Schlagzeug, ansonsten hat er alle Instrumente selbst eingespielt. Er demontiert diese Klassiker des Rock und baut sie in seinem Stil wieder zusammen. Auch wenn das keine so neue Vorgehensweise ist, der gebürtige Chilenische Saitenartist macht das äußerst gut, virtuos und facettenreich. Besonders sein Paradestück Sultans Of Swing sorgt immer wieder überraschende Momente. Dieses Material steht im Mittelpunkt seiner über 1-jährigen Mammut-Tour und auch hier bei diesem Freiluft-Festival.
Live stehen ihm seit langem mit den Southern Vultures, genauer gesagt der italienische Multi-Instrumentalist Bruno Pint am Bass und der rumänische Schlagzeuger Florin Constantin Pascu, zur Seite. Im Einsatzgebiet Bühne, PA-Anlage und Licht eingeschaltet, sind sie im Trio eine schwer zu stoppende schwere Rock-Maschinerie. Der Platz vor der Bühne ist immer noch proppenvoll und die Feierbiester saugen die Musik auf, lassen sich von dieser Klangwalze nicht vertreiben. Ein schöner Sommertag mit „Wein, Weib & Gesang“ oder „Cocktail, Leckereien und Rock’n’Roll“ geht zu Ende und die meisten Besucher verschwinden in ihren Behausungen im nahegelegenen Camp.
Fazit: Sechs zwar hier in unserer Heimat noch nicht so bekannte aber spielstarke Formationen und Musiker aus sagenhaften acht Ländern der Welt, nonstop weit über acht Stunden Live-Musik, gut mittels Ton & Licht in Szene gesetzt, 1A-Gastronomie, nur lächelnde Gesichter und Stimmung. Da muss doch irgendwo ein Haken sein, nee. Das alles friedlich, auch dank unserer zwei Wächter und obendrein zum moderaten Ticket-Preis. Diesem Kultur-Verein gehört ein Preis verliehen, jedem Mitglied ein Orden. Was fehlt, eine Wiederholung, die ist aber bereits geplant. Die beiden Rock-Scouts Thomas „Rossi“ Rosslau und Wolfgang „Wolle“ Conrad und der gesamten Mannschaft gelingt es immer wieder Veranstaltung mit Ausrufezeichen-Charakter zu veranstalten. Hier schon mal die Ankündigung für die nächsten Rock-Kracher. Oktober 2026 (Bürgerhaus Sachsendorf): Luke Winslow-King (US) und Ina & Fabian Spang alias Muddy What? (DE), Dezember 2026 (Kulturhaus Lebus): Jones & The Crew & Special Guests: Stef Rosen & Matze Stolpe (SP, MOZ, DE, IT), Sean Webster Band (UK, NL), März 2027 (Kulturhaus Lebus): Dear Robin (DE) und eine weitere Band. Besucht diese Veranstaltungen, hier treten geprüfte, ausgewählte rockige Leckerbissen auf. Bilder_Texte: Christa & Roland Koch
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